Agata Agatowska

CODES (UND) IKONEN

Wir leben in einer Welt, die – wie vielleicht niemals vorher – vorrangig von Bildern und von Verbildlichungen beherrscht wird. Dieser mitein-ander gekoppelte Mechanismus der Interpretierung und Kreierung der Realität ist in jenem Augenblick noch stärker und verführerischer geworden, als das Bild durch elektronische Medien vereinnahmtwurde und als die Virtualität zu einer häufig verlockenderen und attraktiveren Alternative zum Lebensumfeld und zum Bereichder menschlichen (Mit-) Existenz wurde. Faszinierend ist die Tatsache, dass das „lebende“ und bewegliche Bild – u.a. durchdie Dreidimensionalität – trotz der Attribute alter Medien, die es besitzt – häufig mit traditionellen Verbildlichungsverfahren konfrontiert oder sogar rückdefiniert wird. Derartige Praktiken werden vor allem in der Kunstwelt betrieben, da die Künstler auf die Erforschung und auf das Studium der Visualität außerordentlich sensibilisiert und an der Prüfung ihrer Einwirkung auf unsere Wahr-nehmung der Realität interessiert sind. In diesem Bereich der künstlerischen Betätigung korrespondiert das Werk von Agata Agatowska – eigentlich von Anbeginn ihrer ausstellerischen Aktivitäten an – mit ähnlichen Suchaktionen und gleichzeitiger Dekonstruktion im Rahmen funktionierender medialer und ästhetischer Strategien. Die Künstlerin realisiert – obzwar sie sich mittels unterschiedlicher Medien auszudrücken vermag – alle grundlegenden Forderungen des dreidimensionalen Bildes und Objekts. Aus formeller und struktureller Sicht konzentriert sich Agatowska meistens auf die klassische bildhauerische Form, trotzdem gehen ihre Arbeiten einen Disput mit dem Ort und dem Kontext ein. Im Endeffekt misst die Künstlerin sowohl den Aspekten des Raumes (des Ortes), der Verräumlichung (Medium) und der Generierung des Raumes (des Werkes) Bedeutung bei, wodurch wir es bei ihr mit der sogenannten „Kunst“ der Installation und nicht mit traditioneller Skulptur zu tun haben. Unabhängig davon interessiert sie sich auch für die szenische Dimension der Präsentation, da die in einer Galerie generierten Situationen und Darstellungen auch eine autarke (para)theatralische Form innehaben. Dieser ästhetische und semiotische Kontext ihrer Werke war bereits in ihren ersten Arbeiten (aus der Reihe: Miss) zu sehen, die 2001 in der zweiten Ausstellung „Frau über Frau“ in der Galeria Bielska BWA in Bielsko präsentiert wurden. Agata Agatowska bediente sich dort der Videoprojektion eines gestörten Fernsehbildes und einer Skulptur, die das „realistische“ Pendant dieses Fernsehbildes darstellte. In diesem konkreten Fall befasste sich die Künstlerin – am Exempel der im Fernsehen gezeigten Miss World-Wahlen – mit den Methoden der Kreierung und Verleumdung des Bildes der Frau, die durch diverse Eingriffe der Medien – vor unseren Augen mehr zu einem Artefakt wird, als dass sie ein lebender Mensch ist.

Die Showproduzenten scheinen sich hauptsächlich für die wirtschaftliche Seite der Produktion und für den Konsum von kollektiven Mythen zu interessieren, daher bekommen die am Wettbewerb teilnehmenden Frauen eine überirdische Aura und werden zum Produkt der Unterhaltung, die den einzelnen Interessengruppen dienen und diese zu repräsentieren hat. In diesem Sinne wird der Stellenwert der täglichen Realität samt den um die „kalten Medien“ gebannten Empfängern passiv, verdächtig und indolent. Die auf Sensationen orientierten Medienmacher scheinen uns zu suggerieren, dass nur das Äußere und Äußerliche wichtig und schön sind. Die Kommunikationsekstase ist im Grunde oberflächlich, unvollkommen und obszön – obwohl sie unentwegt 3D-Effekte verwendet.

Eigentlich drücken alle Realisationen von Agata Agatowska ihr Interesse für die Problematik der Existenz von kollektiven

Archetypen und Mythen im Kontext ihrer Allgegenwart und Transparenzverlusts aus. Die Ikonen der Massenkultur (angefangen mit Märchenfiguren bis zur Pop-Unterhaltung hin) werden in ihren Arbeiten durch den augenblicklichen Kontext ‚gebrandmarkt’ und multipliziert, wie etwa die Campbell-Dosen, eingetaucht im Bereich der Telegegenwart. Die Künstlerin selbst verleugnet jedoch weder ihr Aussehen noch ihre Wiederholbarkeit. Sie vollzieht sanfte, ästhetische Schnitte und sprachliche Verschiebungen, wonach sie – wie einst Hans Bellmer – den (scheinbar) fertigen Gegenständen eine neue (zuweilen halluzinogene) Geschichte entlockt. Die Narrationen verknüpfen – wie im „Eiscreme“ (Piesek chłepczący kałużę…) – das Diktat des Unterbewusstseins mit animalistischen Darstellungen. Die Dualität und der zweite, verborgene Boden der Anekdote (z.B. in Rudel/ Sfora) überträgt uns aus der Welt in der Kindheit gelesener Märchen in den Bereich einer Reality-Show, wo die Berichte über den Start der Atlantis in Houston und über das Konzert von David Bowie aufeinanderstoßen. Die in diesen Arbeiten sichtbare Mehrstimmigkeit und die Vielfalt der verwendeten Masken ist vermutlich damit verbunden, dass Agata Agatowska mehrere Jahre lang mit dem Velvets Black & Light Theater in Wiesbaden zusammenarbeitete. Die thematische Inspiration durch den Surrealismus ist bei Agatowska vom Barocken und Exzentrischen befreit und der poparteigene Gegenstandsfetischismus entbehrt hingegen der Banalisierung, die in der heutigen Kunst allgegenwärtig ist. Die Künstlerin wendet in ihren Arbeiten – recht unerwartet und heute eher unüblich – die Schlichtheit und die Askese der konstruktivistischen Skulptur an. Paradoxerweise kann man jedoch darin Spuren elementarster Emotionen sehen.

Bei Agatowska existiert etwas ähnliches, wie in der einst bei Tatlin wahrgenommenen „maschinellen Romantik“. Die Ideen entstammen den Emotionen und der Emotionalität und obwohl sie der Form unterordnet sind, ist ihre existenzielle Dimension sichtbar. Daher gleitet die (sowohl menschliche als auch tierische) Körperlichkeit bei der Künstlerin in einen Disput mit der Technik oder Technologie (wie es zum Beispiel beim Umzug zum Mars / Przeprowadzka na Marsaund bei den bereits erwähnten Skulpturen aus der Reihe Misswar). Man kann es sowohl als einen Ausdruck des Atavismus als auch als eine Suche nach gemeinsamen genealogischen Merkmalen interpretieren. Andererseits belegen die von den heutigen Genetikern durchgeführten Forschungen, dass alle Lebewesen füreinander mehr als einen metonymischen Ersatz darstellen können.

Die Arbeiten der Autorin der Transformationen der Realität (Transformacje rzeczywistości) sind eine Suche nach Zusammenhängen und Analogien zwischen dem Belebten und Unbelebten, zwischen Gegenständen und Bildern. Sie sind eine Suche nach Wahrheit und nach den elementarsten Gefühlen, die hinter den komplizierten Relationen der uns zugeteilten Ikonographie und zufälligen Medien verborgen sind. Agata Agatowska schöpft vor unseren Augen etwas in der Art eines onirischen Theaters, in dem – wie im Carrollschen Spiegel – Welten, Rollen und Figuren einander begegnen. Die Figuren und deren Schatten sind ein Spiegelbild der Realität und ein Gegenstück der Identität. Ohne dieses Theater wäre das Leben ärmer – nicht nur um ein einziges Märchen.

Roman Lewandowski

Übersetzt von Małgorzata Behlert