Wo der allgemeine künstlerische Konsens regelmäßig mit der Hässlichkeit und Härte der Gesellschaft insofern konform geht, als dass er ihr diesen Spiegel möglichst kathartisch vorhält, scheint Anna Borowy das andere Ende des Spektrums menschlichen Wesens und seiner Abgründe als Hebel anzusetzen. Das Instrument und Objekt der Entlarvung ist bei ihr eine hypnotische Schönheit, sanft und unerbittlich. Daher kann man sich erinnert fühlen an den Anflug von Rage der weiblichen Lichtgestalt Galadriel in Tolkiens „Herr der Ringe“, wie sie mit dem Ring herrschen würde: „Nicht dunkel aber schön und entsetzlich wie der Morgen! […] Alle werden mich lieben und verzweifeln!“. Dieser Tradition voran geht das Schicksal der mythologischen Figur des Hylas als ein Beifahrer der Argonauten. Seine kurze Geschichte als geliebter Jüngling des Herakles endet mit seiner Entführung durch eine Gruppe von Wassernymphen, die ihn unter ihrer Obhut behalten. Zwar ist der junge Hylas damit vor den Gefahren der Fahrt der Argo in Sicherheit, jedoch befindet er sich nunmehr unter Zwang in der matriarchalen Sphäre der Nymphen, die ihn für immer verbergen werden. Eben diese Nymphen teilen Züge mit den weiblichen Gestalten in Anna Borowys Bildern, sie wirken unschuldig und sind zugleich verführerisch und einnehmend.

Die Schönheit in den Bildern Anna Borowys ist also merklich ambivalent; sie ist real und mächtig als solche, aber immanent abgründig in ihren Konsequenzen und Hintergründen.