Kathrin Günter

Wer spricht morgen noch von Britney Spears? Wer will nächstes Jahr noch Filme mit Tom Cruise sehen? Nichts ist so ungewiss wie das Morgen der Publikumslieblinge von heute. Das Leben als Star im Rampenlicht kann kurz sein. Es ist ein Dasein auf dem Drahtseil, immer unter Beobachtung des Publikums, das nur die sieht, die im Licht stehen und sich oft nichts mehr wünscht als den Absturz der Geliebten. Bewunderung und Neid gehen in den Gedanken des Publikums eine bedrohliche Verbindung ein. Liebe und Verachtung, Hass und Verehrung liegen nur eine Meldung in der Klatschpresse auseinander. Von Ausgabe zu Ausgabe entscheiden Blattmacher über das Schicksal der Objekte ihrer Berichte. Dichtung und Wahrheit liegen kaum unterscheidbar beieinander – Freunde werden zu Feinden, die beste Freundin zur Informantin der Gegenseite. Das Spiel mit den Medien wird schnell zum unkontrollierbaren Spiel mit dem Feuer – das den Spieler vernichtet.

Kathrin Günter kennt das Geschäft mit der Illusion vom ewigen Ruhm und dauernder Liebe. Sie ist vertraut mit den Mechanismen der Medien und den unterschiedlichen Formen der Verehrung. Seit über fünfzehn Jahren beobachtet Kathrin Günter Stars und Sternchen. Ob in Momenten, wo diese die Öffentlichkeit suchen oder in solchen die eigentlich niemand sehen soll – wer kann sie eigentlich unterscheiden? Kathrin Günter sieht alles und sie hält es fest für die Ewigkeit – oder das, was wir dafür halten.

Sie kennt beide Seiten. Denn sie war Opfer und Täterin. Als Paparazzi jagte sie die Stars, während sie gleichzeitig – meist erfolglos – versuchte als Gejagte ihre Privatsphäre zu schützen. Der ständige Seitenwechsel mündete in Star Shots I und II und wurde als Ausstellung und Magazin in die gierige Öffentlichkeit getragen.

Die Berliner Künstlerin agierte vor und hinter der Kamera. Sie trieb damit ein Spiel auf die Spitze, das ebenso regelmäßig wie vorhersehbar die Öffentlichkeit in seinen Bann zieht, jene Öffentlichkeit, die mit geheuchelter Abscheu nicht genug bekommen kann von dem, was ihr als Jagd präsentiert wird – und dabei meist doch nur eine von allen Beteiligten inszenierte Vorführung zu sehen bekommt. „80 Prozent der Geschichten sind mit den Medien abgesprochen“, wird der ehemalige Unterhaltungschef der Bild-Zeitung Manfred Meyer von dem bekennenden „Promi-Jäger von Hollywood“ Hans Paul in dessen Buch zitiert.

Es war eine fast diskrete Arbeit im Vergleich zu Star Shots III – The Go-Between Double 2013. Denn während sich die Künstlerin am Beginn ihrer Karriere noch darauf beschränkte Sichtbares zu zeigen, fixierte sie in der Folge das Seelenleben der Stars auf lichtempfindlichem Material. In der Tradition amerikanischer Geisterfotografen schuf sie Fotos, auf denen Personen – die Prominenten? – mehr oder weniger verschleiert, über- oder unterbelichtet zu sehen sind. Fotos, von denen die Künstlerin sagt, sie seien das Ergebnis komplizierter Trennung der Persönlichkeiten von ihren Körpern. So entstehen Bilder, die die Wahrheit hinter den Fassaden zeigen und den Menschen so gerechter werden, als die Fotos des scheinbar Offensichtlichen. Ein reizvolles Spiel mit den Möglichkeiten der Fotografie und ihren Grenzen. Denn wie oft erklären Promis aller Klassen: „Yes, I created this persona and I’m different from that.“ So betrachtet zeigt Kathrin Günter jedenfalls endlich die Wahrheit.

Doch was ist das Seelenleben jetzt im Vergleich zum Wissen um die Zukunft. Mit „Celebrity Tarot Deck“ geht Kathrin Günter noch einen Schritt weiter. Ihre neue Arbeit eröffnet eine neue Dimension. Lindsay Lohan, Britney Spears oder Paris Hilton können nun endlich planen. Nun können sie sehen, was kommen wird. Nun liegen zukünftiges Glück und Unglück, Leben und Sterben, Ruhm und Vergessen offen auf dem Tisch – sichtbar für alle, ob gewollt oder ungewollt.

Und endlich wird die Frage beantwortet, wer morgen noch etwas von den Stars wissen möchte – und vor allem von welchen.

Prof. Lars Bauernschmitt