Obwohl in Öl aufgetragen, wirken die Farben in Tanja Selzers Bildern in großen Flächen durchlässig und hell wie die eines Aquarells. Diese scheinbare Leichtigkeit des Auftrags wird unterstützt von gezielten einzelnen Zerläufen von Farben und Konturen. Dadurch entsteht der Eindruck, die Verdünnung der Farben sei stellenweise während des Malprozesses bis zu einem unteren Schwellenwert der Viskosität ausgereizt worden, wodurch die Verläufe entlang der Schwerkraft, also vertikal verursacht wurden.

Dunkle, homogene Flächen bleiben dennoch erhalten als kontraststarke Schatten in einem ansonsten dominierenden Gegenlicht. Umgekehrt wird dieser Gegensatz auch in anderen, überwiegend dunklen Bildern durch ihren Anteil „überlichteter“ Bereiche erzeugt.

Als inhaltlich stimmiges Sujet formiert Selzer in den hellen Bildpartien Dampf oder Dunst. Die gasförmige Aggregation geht einher mit den unscharfen, verwischten Konturen der Gestalten und Gegenstände, was eine wesentliche stoffliche, bzw. molekulare Dynamik zugrunde legt. Das Zerlaufen oder Tropfen von Farbe als Maltechnik wirkt hier folgerichtig wie eine eintretende Kondensation.

Durch flüssige Übergänge der Formen befinden sich die Figuren und Hintergründe quasi in einer gemeinsamen Lösung, in der sich nur vordergründige Protagonisten bisweilen zu schärferen Konturen verfestigen. Wie bei der Sicht durch eine verregnete Scheibe gehen Gestalten und Umwelt fließend und kohärent ineinander über, nicht nur räumlich, sondern unter dem Eindruck von Bewegung auch zeitlich. Fluide Unschärfe und Überlichtung führen den Betrachter von den zunächst konkreten Szenen und Geschehnissen in Selzers Bildern induktiv zu einer gemeinsamen diaphanen Matrix der Ereignisse und ihrer inneren Struktur.