Tina Winkhaus

HM4T 4 EVR

23.Oktober 2026 – 6. Februar 2027

Vernissage am 21. Oktober 2026, 19.00 Uhr

Tina Winkhaus "Fussball" als Heimatbegriff

Ein Fußball liegt auf dunklem Grund. Seine Oberfläche ist aufgerissen, Teile der äußeren Hülle fehlen, das Material wirkt spröde, abgeschabt, verbraucht. Der Ball ist so stark beschädigt, dass mit ihm nicht mehr gespielt werden kann.
Und doch ist er sofort als das zu erkennen, was er ist.

Kaum ein Gegenstand bündelt weltweit so viele persönliche und kollektive Erinnerungen wie der Fußball. Über Länder, Generationen und soziale Lebenswelten hinweg schafft er gemeinsame Erfahrungen, die weit über den Sport hinausreichen. Er gehört zum Alltag ebenso wie zum gesellschaftlichen Ritual, verbindet persönliche Biografien mit kollektiven Ereignissen und hat sich als Bild tief in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben.

In Tina Winkhaus’ Fußball von 2026 ruht der Ball. Die Bewegung ist vorüber, der Gebrauch bleibt sichtbar.
Gemeinschaft und Spiel treffen auf Vergänglichkeit und die Spuren dessen, was stattgefunden hat. Mit den Worten „gelebt, geliebt“ benennt Winkhaus die Beziehung vieler Menschen zum Fußball.

Von diesem Bild aus öffnet sich die gedankliche Sphäre von HM4T 4 EVR. Schon der Titel trägt eine Spannung in sich. Die verkürzte, codierte Schreibweise trifft auf einen Begriff, der Dauer verspricht: Heimat forever. Zugleich entsteht Heimat aus Dingen, Menschen, Landschaften, Gewohnheiten und Erfahrungen, die sich verändern.

Für Winkhaus ist Heimat eng mit kultureller Erfahrung verbunden. Geboren 1966 in Essen, studierte sie Fotografie in München, lebte mehrere Jahre in New York und London und seit 1999 in Berlin. Herkunft und der durch Ortswechsel entstandene Abstand stehen in ihrer Biografie nebeneinander. In HM4T 4 EVR nähert sie sich dem Thema über vertraute, teilweise stereotype Bilder und Gegenstände: Fußball, Wald, Jagd, Rehe, Schrebergärten und Tauben. Sie selbst bezeichnet diese Motive als „deutsche Attribute“.

Ihre Vertrautheit macht sie zu Sinnbildern und Klischees, zugleich tragen sie individuelle Erfahrungen und gesellschaftlich geteilte Vorstellungen in sich. Gerade diese Überlagerungen interessieren Winkhaus. Denn was vertraut erscheint, besitzt keine unveränderliche Bedeutung.

Darin berührt HM4T 4 EVR eine Frage, die in der gegenwärtigen politisch polarisierten Situation besondere Dringlichkeit erhält. Wie lässt sich über Heimat, Herkunft und kulturelle Verbundenheit sprechen, ohne unmittelbar einer politischen Position zugeordnet zu werden? Winkhaus beschäftigt die Erfahrung, dass der Begriff Heimat zunehmend von politischen Kräften beansprucht und mit ausgrenzenden Vorstellungen verbunden wird. Die Ausstellung setzt dem einen offeneren Erfahrungsraum entgegen. Heimat kann Erinnerung, Sprache, Kultur und Landschaft umfassen, ebenso Veränderung, Widerspruch und historische Verantwortung.

Der Wald führt diese Überlegungen in einen kulturellen Bildraum, der seit Jahrhunderten mit Vorstellungen von Herkunft und Identität verbunden ist. Er gehört seit Jahren zu Winkhaus’ Repertoire und besitzt zugleich eine besondere Stellung in der deutschen Kulturgeschichte. Romantik und Märchen, Natursehnsucht und Kindheit haben sich in ihm ebenso eingeschrieben wie Fremdheit, Prüfung und Gefahr.

In The Boy with the Apple Banquet von 2014 bewegt sich ein Junge in einem weißen Umhang durch einen Wald. Rote Äpfel liegen hinter ihm auf dem Boden und bilden eine Spur. Die Szene erinnert an Hänsel und Gretel, doch an die Stelle der Brotkrumen treten Äpfel. Damit öffnet sich eine weitere Ebene. Der Apfel besitzt eine lange Kultur- und Bildgeschichte, die von Erkenntnis und Verlockung bis zu Märchen und alltäglicher Naturerfahrung reicht. Winkhaus lässt diese Assoziationen nebeneinander bestehen. Das Bild erinnert an bekannte Erzählungen, ohne sich auf eine von ihnen festlegen zu lassen.

Auch Tiere durchziehen ihr Werk. In Red Deer von 2026 begegnen sich Vorstellungen von Natur und Jagd, Verletzlichkeit und Stärke. Der Hirsch trägt eine lange Geschichte kultureller Zuschreibungen mit sich: Naturbild und Jagdmotiv, Würde und Trophäe, romantische Vorstellung und populäres Bild. Winkhaus interessiert, welche dieser Vorstellungen wir noch immer mitsehen, wenn wir einem scheinbar vertrauten Motiv begegnen.

Besonders deutlich wird die Veränderlichkeit solcher Zuschreibungen an der Taube. Einst wertvolles Zucht- und Statustier, Brieftaube, religiöses Symbol und Sinnbild des Friedens, gehört sie heute zum selbstverständlichen Alltag der Städte und vielerorts zu den am stärksten abgewerteten urbanen Tieren. Das Geschöpf hat sich kaum verändert; seine kulturelle Bewertung sehr wohl.
An der Taube wird sichtbar, wie sehr Wahrnehmung von gesellschaftlichen Bedingungen geprägt wird. Was einmal kostbar war, kann gewöhnlich werden. Bewunderung kann in Geringschätzung umschlagen. Der Gegenstand bleibt und der Blick verändert sich.

Ähnliche Spannungen tragen die anderen Motive von HM4T 4 EVR.

Der Schrebergarten verbindet Vorstellungen von Rückzug, Ordnung und privater Idylle mit einer spezifischen Alltags- und Freizeitkultur.
Der Wald ist Landschaft und kultureller Bildraum.
Der Fußball bleibt Spielgerät und wird zugleich zum gemeinschaftlichen Ritual und globalen Phänomen.
Gerade weil diese Dinge so selbstverständlich erscheinen, kann Winkhaus sie mit kleinen Verschiebungen wieder sichtbar machen.

Dieses Prinzip findet eine Entsprechung in ihrer Arbeitsweise.
Winkhaus’ digitale Arbeiten entstehen aus einem umfangreichen, selbst produzierten Bildmaterial. Für ihre Bildwelten fertigt sie unzählige Fotografien an. Figuren, Tiere, Pflanzen, Gegenstände, Räume und kleinste Details werden einzeln abgelichtet, freigestellt und digital zu einem Werk zusammengesetzt. Eine Szene, die geschlossen erscheint, besteht aus Fragmenten, die zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten aufgenommen wurden.
Aus diesem Material entwickelt Winkhaus eine eigenständige Bildwirklichkeit. Sie ordnet die einzelnen Elemente neu, bestimmt ihre Beziehungen zueinander und gestaltet räumliche Verhältnisse, Licht und Atmosphäre innerhalb der Komposition. Die fertigen Arbeiten sind Digital Art. Begriffe wie Constructed Reality und Photographic Painting beschreiben die Verbindung von fotografischem Ausgangsmaterial und digitaler Bildkonstruktion. Winkhaus selbst verwendet dafür auch den Begriff Analog AI.
Der Begriff Analog AI gewinnt in einer Gegenwart besondere Schärfe, in der generative künstliche Intelligenz innerhalb weniger Augenblicke Bilder hervorbringen kann, die nie fotografiert wurden. Auch Winkhaus konstruiert Szenen, die in dieser Form nie existiert haben. Jedes Detail geht dabei auf eine konkrete Aufnahme und eine künstlerische Entscheidung zurück. Erfahrung, Intuition, Erinnerung und ein über Jahre aufgebautes persönliches Bildarchiv prägen diese Arbeiten.

Gerade an diesem Punkt greifen Verfahren und Thema von HM4T 4 EVR ineinander.
Denn auch Erinnerung setzt sich aus Fragmenten zusammen. Einzelne Situationen bleiben präzise, andere verlieren ihre Konturen. Eigene Erfahrungen verbinden sich mit Erzählungen, überlieferten Bildern und Vorstellungen, die wir aus Kunst, Film, Literatur oder Alltag übernommen haben. Was wir erinnern, wird aus der Gegenwart heraus immer wieder neu zusammengesetzt.

Auch Heimat lässt sich als eine solche Schichtung verstehen. Sie entsteht aus realen Orten und Menschen, aus Sprache, Gewohnheiten und persönlichen Erfahrungen, zugleich aus Bildern und kulturellen Erzählungen. Ein Fußball kann darin ebenso Bedeutung gewinnen wie ein Wald, ein Garten oder ein Tier. Die einzelnen Elemente besitzen unterschiedliche Gewichte, verändern sich im Laufe eines Lebens und können dennoch gemeinsam ein Gefühl von Zugehörigkeit hervorbringen.
In dieser Hinsicht korrespondiert die Konstruktion von Winkhaus’ Bildwelten mit dem Gegenstand ihrer Ausstellung.
Aus vielen einzelnen Fragmenten entsteht eine Wirklichkeit, die vorher in dieser Form nicht existierte und uns dennoch vertraut erscheinen kann. Heimat wird dabei weniger als feststehendes Bild sichtbar denn als etwas, das sich fortwährend aus Erfahrung, Erinnerung und kultureller Überlieferung zusammensetzt.

Am Ende führt dieser Gedanke zurück zum Fußball.
Seine Oberfläche ist beschädigt, seine ursprüngliche Funktion verloren. Trotzdem bleibt seine Form erkennbar. Was mit ihm geschehen ist, lässt sich nicht rückgängig machen und gehört nun zu seinem Erscheinungsbild.
Vielleicht liegt gerade darin eine der präzisesten Vorstellungen von Heimat, die HM4T 4 EVR entwickelt: Ihre Bedeutung hängt nicht von Unversehrtheit oder Stillstand ab. Sie kann Geschichte und Veränderung in sich tragen und dennoch Verbundenheit erzeugen.
Gelebt, geliebt.