Tina Winkhaus HM4T 4 EVR (Heimat Forever)

Ein abgenutzter Fußball, ein Hirsch, Tauben und Schrebergärten: Tina Winkhaus greift Bilder auf, die uns vertraut erscheinen, und verändert unseren Blick auf sie. In HM4T 4 EVR (Heimat Forever) begegnen ihre fotografisch komponierten Bildwelten skulpturalen und audiovisuellen Arbeiten. Dabei geht es um Erinnerungen, kulturelle Prägungen und die Frage, was uns ein Gefühl von Heimat gibt.

Vernissage am 21. Oktober 2026, 19.00 Uhr

Ausstellung: 23. Oktober 2026 – 6. Februar 2027, janinebeangallery, Torstrasse 154, Berlin, Dienstag – Samstag 12 – 18 Uhr

Tina Winkhaus „Heimat Forever (Ein Sommernachtstraum)“ 120 x 120 cm Pigmentdruck auf Leinwand, 100 % Baumwolle, 360 g/m² Edition 1 von 10, 2026

Ein Fußball, viele Erinnerungen

Ein Fußball liegt auf dunklem Grund. Seine Oberfläche ist aufgerissen, Teile der äußeren Hülle fehlen. Das Material wirkt spröde, abgeschabt, verbraucht. Zum Spielen taugt er kaum noch, doch seine Form bleibt unverkennbar.

Kaum ein Gegenstand bündelt weltweit so viele persönliche und kollektive Erinnerungen wie der Fußball. Über Länder, Generationen und Lebenswelten hinweg verbindet er Menschen und schafft gemeinsame Erfahrungen. Er gehört zum Alltag ebenso wie zum gesellschaftlichen Ritual und ist tief in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben.

In Tina Winkhaus’ Fußball von 2026 ruht der Ball. Die Bewegung ist vorüber, die Spuren des Gebrauchs bleiben sichtbar. Gemeinschaft und Spiel treffen auf Vergänglichkeit. Mit den Worten „gelebt, geliebt“ benennt Winkhaus die Beziehung vieler Menschen zu diesem Gegenstand.

Von hier aus erschließt sich das Thema von HM4T 4 EVR. Die codierte Schreibweise trifft auf einen Begriff, der Dauer verspricht: Heimat forever. Zugleich entsteht Heimat aus Dingen, Menschen, Landschaften und Erfahrungen, die sich verändern.

Heimat als kulturelle Erfahrung

Für Winkhaus ist Heimat eng mit kultureller Erfahrung verbunden. Geboren 1966 in Essen, studierte sie Fotografie in München, lebte mehrere Jahre in New York und London und seit 1999 in Berlin. Herkunft und der durch Ortswechsel entstandene Abstand prägen ihren Blick.

In HM4T 4 EVR nähert sie sich dem Thema über vertraute, teilweise stereotype Motive: Fußball, Wald, Jagd, Rehe, Schrebergärten und Tauben. Sie selbst bezeichnet sie als „deutsche Attribute“. Diese Bilder tragen persönliche Erfahrungen ebenso wie gesellschaftliche Vorstellungen in sich. Ihre Bedeutung verändert sich mit dem jeweiligen Blick und Kontext.

Damit berührt die Ausstellung eine Frage, die in einer politisch polarisierten Gegenwart besondere Dringlichkeit erhält: Wie lässt sich über Heimat, Herkunft und kulturelle Verbundenheit sprechen, ohne unmittelbar einer politischen Position zugeordnet zu werden? Winkhaus beschäftigt, dass der Heimatbegriff zunehmend von politischen Kräften beansprucht und mit ausgrenzenden Vorstellungen verbunden wird. Ihre Ausstellung öffnet ihn für Erfahrungen von Erinnerung, Sprache, Kultur und Landschaft, aber auch für Veränderung, Widerspruch und historische Verantwortung.

Wald, Hirsch und Taube: Vertraute Bilder im Wandel

Der Wald gehört seit Jahren zu Winkhaus’ Repertoire. Als Landschaft und kultureller Bildraum verbindet er Romantik, Märchen, Natursehnsucht und Kindheit mit Erfahrungen von Fremdheit und Gefahr.

Tina Winkhaus Ausstellung HM4T 4 EVR
Tina Winkhaus „The Boy with the Apple Basket“ Fine Art Print auf Alu Dibond, gerahmt unter Glass, 123 x 123 cm, Edition 3/3, 2014

In The Boy with the Apple Basket bewegt sich ein Junge in einem weißen Umhang durch einen Wald. Rote Äpfel bilden hinter ihm eine Spur. Die Szene erinnert an Hänsel und Gretel, wobei Äpfel die Brotkrumen ersetzen. Ihre eigene Bildgeschichte bringt weitere Assoziationen ins Spiel: Erkenntnis, Verlockung, Märchen und alltägliche Naturerfahrung. Winkhaus lässt diese Deutungen offen.

Tina Winkhaus Ausstellung HM4T 4 EVR
Tina Winkhaus Red Deer 120 x 160 cm, Pigmentdruck auf Leinwand, 100 % Baumwolle, 360 g/m², Edition 1 von 10, 2026

Auch Tiere durchziehen ihr Werk. In Red Deer von 2026 begegnen sich Natur und Jagd, Verletzlichkeit und Stärke. Der Hirsch erscheint vor dem Hintergrund einer langen Geschichte kultureller Zuschreibungen: als Naturbild und Trophäe, als Ausdruck von Würde, romantische Vorstellung und populäres Motiv. Welche dieser Bedeutungen sehen wir mit, wenn wir ihm begegnen?

An der Taube wird der Wandel solcher Bewertungen besonders deutlich. Einst wertvolles Zucht- und Statustier, Brieftaube, religiöses Symbol und Sinnbild des Friedens, gehört sie heute zum städtischen Alltag und vielerorts zu den am stärksten abgewerteten urbanen Tieren. Das Tier hat sich kaum verändert, seine gesellschaftliche Wahrnehmung dagegen erheblich.

Für HM4T 4 EVR entsteht zudem eine neue Skulptur, die Winkhaus im Taubenanzug zeigt. Die Künstlerin tritt selbst in die Bildwelt des Tieres ein und verleiht dem Motiv eine körperliche Präsenz.

Tina Winkhaus Ausstellung HM4T 4 EVR
Tina Winkhaus MADE IN GERMANY™ 160 x 120 cm Pigmentdruck auf Leinwand, 100 % Baumwolle, 360 g/m², Edition 1 von 10, 2026

Auch der Schrebergarten trägt unterschiedliche Vorstellungen in sich: Rückzug, Ordnung und private Idylle verbinden sich mit einer spezifischen Alltags- und Freizeitkultur. Gerade die Vertrautheit dieser Motive ermöglicht es Winkhaus, durch kleine Verschiebungen neue Fragen an sie zu stellen.

Der Pennerwagen: Wert und Wahrnehmung

Die Frage nach Wert und gesellschaftlicher Zuschreibung prägt auch Der Pennerwagen von 2023, der zusammen mit der Dokumentation der dazugehörigen Performance gezeigt wird. Als vermeintlich obdachlose Person schob Winkhaus einen Einkaufswagen durch die Straßen. Darin lagen Designertaschen von Chanel und Hermès neben Einkaufstaschen von Rewe und Kaufland, einer Yogamatte, gebrauchten Spielsachen ihres Hundes „Luxus“, Decken und Müllsäcken.

Im Einkaufswagen verändern die gewohnten Zeichen von Status und materiellem Wert ihren Kontext. Während der Performance erlebte Winkhaus zugleich, wie ihre vermeintliche Obdachlosigkeit die Wahrnehmung ihrer Person beeinflusste. Die Arbeit fragt danach, wie Wert entsteht und wie äußere Zeichen unseren Blick auf Dinge und Menschen bestimmen.

Eine audiovisuelle Kuckucksuhr erweitert die Ausstellung um weitere Motive kultureller Überlieferung und Wiedererkennung.

Fotografie, Bildkomposition und Analog AI

Winkhaus’ digitale Arbeiten entstehen aus einem umfangreichen, selbst produzierten Bildarchiv. Figuren, Tiere, Pflanzen, Gegenstände, Räume und kleinste Details werden einzeln fotografiert, freigestellt und digital zusammengesetzt. Eine scheinbar geschlossene Szene besteht so aus Fragmenten, die zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten aufgenommen wurden.

Winkhaus ordnet diese Elemente neu und gestaltet ihre Beziehungen, räumlichen Verhältnisse, Licht und Atmosphäre. Die fertigen Arbeiten sind Digital Art. Begriffe wie Constructed Reality und Photographic Painting beschreiben die Verbindung von fotografischem Ausgangsmaterial und digitaler Bildkomposition. Winkhaus selbst verwendet dafür auch den Begriff Analog AI.

Dieser Begriff erhält angesichts generativer künstlicher Intelligenz besondere Aktualität. Auch Winkhaus konstruiert Szenen, die in dieser Form nie existiert haben. Jedes Detail geht dabei auf eine konkrete Aufnahme und eine künstlerische Entscheidung zurück. Erfahrung, Intuition, Erinnerung und ihr über Jahre aufgebautes Bildarchiv prägen die Kompositionen.

Wie aus Fragmenten Heimat entsteht

Hier verbinden sich Arbeitsweise und Ausstellungsthema. Auch Erinnerung setzt sich aus Fragmenten zusammen: Manche Situationen bleiben präzise, andere verlieren ihre Konturen. Eigene Erfahrungen verbinden sich mit Erzählungen und Bildern, die wir aus Kunst, Film, Literatur oder Alltag übernommen haben. Aus der Gegenwart heraus ordnen wir sie immer wieder neu.

Heimat lässt sich als eine solche Schichtung verstehen. Reale Orte und Menschen, Sprache und Gewohnheiten verbinden sich mit persönlichen Erinnerungen und kulturellen Vorstellungen. Ein Fußball kann darin ebenso Bedeutung gewinnen wie ein Wald, ein Garten oder ein Tier. Ihr Gewicht verändert sich im Laufe eines Lebens; gemeinsam können sie ein Gefühl von Zugehörigkeit hervorbringen.

So korrespondiert die Konstruktion von Winkhaus’ Bildwelten mit dem Gegenstand ihrer Ausstellung. Aus einzelnen Fragmenten entsteht eine Wirklichkeit, die uns vertraut erscheinen kann. Heimat wird als etwas sichtbar, das sich fortwährend aus Erfahrung, Erinnerung und kultureller Überlieferung zusammensetzt.

Der Gedanke führt zurück zum Fußball. Seine Oberfläche ist beschädigt, seine ursprüngliche Funktion verloren. Was mit ihm geschehen ist, gehört nun zu seiner Gestalt. Darin liegt eine Vorstellung von Heimat, die HM4T 4 EVR entwickelt: Geschichte und Veränderung können Verbundenheit mitprägen.

Gelebt, geliebt.

Preview, alle Arbeiten der Ausstellung ab 23. Oktober