Tina Winkhaus | über die Künstlerin und ihre Werke

Tina Winkhaus

Tina Winkhaus entwickelt Bildwelten, in denen Schönheit niemals unschuldig bleibt.
Ihre Arbeiten verführen durch opulente Farben, dramatische Lichtführung und eine bis ins Detail kontrollierte Komposition. Doch hinter ihrer sinnlichen Oberfläche öffnen sich gesellschaftliche und psychologische Abgründe. Begehren und Verlust, Macht und Verletzlichkeit, Überfluss und Verfall stehen einander nicht als Gegensätze gegenüber, sondern erscheinen als unauflöslich miteinander verbunden.

Biografie und künstlerische Praxis


Die 1966 in Essen geborene Künstlerin studierte von 1987 bis 1989 an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie in München. Es folgten Studien und Arbeitsjahre in New York und London. Seit 1999 lebt und arbeitet sie in Berlin. Die Fotografie bildet das Fundament ihres Werkes, doch Winkhaus hat deren dokumentarischen Anspruch früh hinter sich gelassen. Sie sucht nicht nach dem entscheidenden Augenblick und vertraut nicht auf die zufällige Evidenz eines einzelnen Bildes. Stattdessen konstruiert sie komplexe Szenen aus zahlreichen separat aufgenommenen Elementen, die sie digital zusammenführt, bearbeitet und zu einer neuen Wirklichkeit verdichtet.
Dieser aufwendige Prozess nähert ihre Arbeiten weniger der klassischen Fotografie als der Malerei. Licht, Raum, Körper, Stoffe, Tiere und Gegenstände werden wie Bestandteile eines Gemäldes behandelt. Jede Geste, jede Oberfläche und jede räumliche Beziehung besitzt eine bestimmte Funktion innerhalb der Komposition. Im Direktorenhaus wurden ihre großformatigen Arbeiten deshalb bereits als Fototableaus beschrieben, deren malerische Wirkung an Bildräume der Renaissance und des Barock erinnert. Die sichtbare Wirklichkeit ist bei Winkhaus kein vorgefundener Zustand, sondern Material, das zerlegt, neu geordnet und verwandelt werden kann.


Kunstgeschichte und Gegenwart


Ihre Werke beziehen sich auf die europäische Kunstgeschichte, ohne sich in deren Formen zurückzuziehen. Goya, Caravaggio, Rembrandt, die niederländische Stilllebenmalerei und die barocke Vanitas gehören ebenso zu ihrem visuellen Gedächtnis wie Surrealismus, Popkultur, Mode, Film und die Inszenierungen der Gegenwart. Winkhaus verbindet diese unterschiedlichen Einflüsse zu einer Bildsprache, die zugleich historisch aufgeladen und unmittelbar zeitgenössisch wirkt. Ihre Bilder erscheinen vertraut, weil ihre Kompositionen an überlieferte Darstellungsformen erinnern. Zugleich bleiben sie irritierend, weil die gewohnten Ordnungen von Mensch, Tier, Natur und Objekt in ihnen instabil geworden sind Winkhaus richtet ihren Blick immer wieder auf gesellschaftliche Formen der Selbstinszenierung. Schönheit erscheint in ihrem Werk als Versprechen, aber auch als Disziplin. Luxus kann Ausdruck von Verführung sein und zugleich ein Zeichen sozialer Abgrenzung. Kindheit, Weiblichkeit, Status, Konsum und die Vorstellung eines vollkommenen Lebens werden nicht illustriert, sondern auf ihre verborgenen Bedingungen hin untersucht. Die Künstlerin selbst beschreibt ihre Arbeit als im Zeitgeist verwurzelt und von dem Bewusstsein geprägt, dass das Leben nicht von Dauer ist.

Gerade diese Spannung zwischen gegenwärtigem Begehren und unausweichlicher Vergänglichkeit verleiht ihren Bildern ihre besondere Intensität.


Werkreihen


In frühen und mittleren Werkreihen wie Hope, Sorrow und Eternal Sadness untersucht Winkhaus die Risse in scheinbar vollkommenen Fassaden. Kinder und junge Frauen erscheinen in sorgfältig inszenierte Situationen, deren Schönheit von einer kaum greifbaren Unruhe begleitet wird. Die Bilder kreisen um Erwartungen, Projektionen und gesellschaftlich produzierte Rollen. Der Körper wird zur Oberfläche, auf der Vorstellungen von Erfolg, Attraktivität und Zugehörigkeit sichtbar werden. Winkhaus verurteilt ihre Figuren nicht. Sie zeigt vielmehr, wie eng Verführung und Kontrolle, Selbstbild und Fremdbild miteinander verbunden sind.


Unter Tage: Shot by God


Die Serie Unter Tage: Shot by God führt in eine labyrinthische Welt aus Bergwerksstollen und verborgenen Räumen. In vierzehn großformatigen Arbeiten begegnen dem Betrachter rätselhafte Figuren, deren Handlungen zwischen Ritual, Begehren, Verlorenheit und Bedrohung schweben. Das Innere des Berges wird dabei nicht als Gegenwelt zur Gesellschaft verstanden, sondern als deren unsichtbare Struktur. Was an der Oberfläche geordnet erscheint, tritt im Untergrund in seiner verdrängten und ungezügelten Form hervor.


Earth Odyssee


In Earth Odyssee übernehmen Affen die Position des Menschen. Sie reiten in prächtigen Gewändern, spielen Karten und bewegen sich durch Landschaften, in denen die menschliche Zivilisation nur noch als beschädigte Kulisse fortbesteht. Winkhaus greift damit auf die kunsthistorische Tradition der Singerie zurück, in der Affen menschliche Verhaltensweisen imitieren und gesellschaftliche Rollen spiegeln. Bei ihr werden sie zu ambivalenten Stellvertretern des Menschen im Anthropozän. Sie erscheinen als Überlebende, Herrscher, Spieler und Narren einer Ordnung, deren Grundlagen bereits zerstört sind. Ihre prächtigen Gewänder bestehen teilweise aus eingefärbten Kunststoffmaterialien. Schönheit und ökologische Katastrophe sind damit buchstäblich aus demselben Stoff gefertigt.


Natura Morta


Die neuere Serie Natura Morta führt das klassische Stillleben in eine Gegenwart, in der Natur zunehmend als Bild, Ressource und bedrohtes Archiv erscheint. Tiere, Pflanzen, Früchte und architektonische Fragmente treten aus tiefem Dunkel hervor. Papageien, Pelikane und andere Kreaturen sind keine dekorativen Ergänzungen. Sie besitzen eine beinahe psychologische Präsenz. Das Licht hebt sie hervor, isoliert sie und verleiht ihnen eine stille Dramatik. Winkhaus übernimmt damit zentrale Aufgaben der Malerei in eine digital konstruierte Bildform: die Organisation des Raumes, die Modellierung des Lichts und die symbolische Aufladung der Dinge. Die traditionelle Vanitas wird jedoch neu gefasst.
Vergänglichkeit erscheint nicht mehr als Bestandteil einer göttlichen Ordnung, sondern als Folge einer Welt, in der Natur bedroht, fragmentiert und künstlich bewahrt wird.


Raum, Inszenierung und künstlerische Persona


Winkhaus beschränkt ihre Arbeit nicht auf das einzelne Bild. Immer wieder erweitert sie ihre Praxis in den Raum. Für Your Reality Is Not Mine entstand 2018 während der Berlin Art Week im BIKINI BERLIN ein vollständig verspiegeltes Zimmer, in dem Fotografien, Video, Architektur und die anwesenden Besucher miteinander verschmolzen. Das Publikum betrachtete nicht nur eine Installation, sondern wurde durch die Spiegelungen selbst Teil ihrer visuellen Ordnung. Auch spätere Präsentationen, darunter Perfection under Construction im KPM Hotel & Residences und Unlocking the Unknown im LIVING BERLIN, zeigen ihr Interesse an umfassenden Inszenierungen, in denen Kunst, Raum, Design und gesellschaftliche Begegnung ineinandergreifen.
Diese Erweiterung findet ihre gegenwärtige Form im Château de Winkhaus, einer von der Künstlerin entwickelten imaginären Welt, in der Werk, Raum, Mode, Luxus und Identität zu einem umfassenden visuellen System verbunden werden. Das Château lässt sich als künstlerische Persona, als fiktive Architektur und als Bühne für unterschiedliche Werkgruppen verstehen. Es ist jedoch nicht bloß eine Frage der Selbstvermarktung. Vielmehr führt Winkhaus darin ein Motiv fort, das ihr gesamtes Werk durchzieht: die Untersuchung jener Räume, in denen Menschen sich darstellen, verwandeln und durch Bilder gesellschaftliche Wirklichkeit erzeugen.


Analoge KI


Ihre jüngere Selbstbeschreibung als „Analoge KI“ ist vor diesem Hintergrund folgerichtig. Winkhaus verwendet den Begriff für eine Form der Bildproduktion, bei der nicht ein automatisiertes System die Entscheidungen trifft, sondern die Künstlerin selbst wie ein komplexer Bildapparat arbeitet. Erfahrung, Erinnerung, Intuition und ein umfangreiches eigenes Bildarchiv werden in einem langwierigen Prozess miteinander verbunden. Das Resultat kann an die Perfektion künstlich erzeugter Bilder erinnern, bleibt jedoch vollständig von menschlichen Entscheidungen, fotografischem Material und bewusster Komposition bestimmt.


Tina Winkhaus gehört zu einer Generation von Künstlerinnen, für die die Grenze zwischen Fotografie, Malerei, digitalem Bild und räumlicher Inszenierung ihre frühere Eindeutigkeit verloren hat. Seit den 1990er Jahren wurde ihr Werk in zahlreichen Einzelpräsentationen und Gruppenausstellungen in Deutschland und international gezeigt. Ihre Arbeiten waren unter anderem in Berlin, München, Barcelona und New York zu sehen. Sie wurden auf Kunstmessen präsentiert und befinden sich unter anderem in der Sammlung der Landesbank Baden Württemberg.
Im Zentrum ihres Werkes steht jedoch weniger eine bestimmte Technik als eine grundsätzliche Frage: Wie entsteht Wirklichkeit durch Bilder? Winkhaus beantwortet sie mit Szenen, die zugleich prachtvoll und beschädigt, vertraut und fremd, ernst und von einem dunklen Humor durchzogen sind. Sie zeigt eine Welt, die ihre eigenen Widersprüche nicht mehr verbergen kann. Gerade darin liegt die Kraft ihrer Arbeiten. Sie verführen den Blick, um seine Gewissheiten anschließend zu erschüttern