Vanitas No. 4 (Munich Albino Alligator) Vanitas in der Gegenwart: Natur als Ware

In Vanitas No. 4 (Munich Albino Alligator) greift Marie Louise Elshout die Geschichte eines weißen Alligators auf, der 2022 am Münchner Flughafen im Koffer eines Reisenden entdeckt wurde. Das lebende Tier war für den illegalen Transport vollständig in Frischhaltefolie eingewickelt worden und befand sich kurz vor dem Ersticken. Im Gemälde wird dieser reale Vorfall zu einer zeitgenössischen Vanitas-Erzählung über die menschliche Verfügungsgewalt über die Natur: Ein Lebewesen wird aus seinem natürlichen Zusammenhang gerissen, verborgen, transportiert und zur kostbaren Ware gemacht.

Die dunkel gekleidete Figur hält den Alligator quer über ihrem Schoß. Ihre Haltung erinnert an ein repräsentatives Porträt, zugleich aber auch an eine Pietà – an das Bild eines verletzten oder toten Wesens, das in den Armen getragen und beklagt wird. Ob die Figur das Tier beschützt, besitzt oder lediglich präsentiert, bleibt bewusst offen. Gerade diese Ambivalenz verleiht dem Werk seine Spannung. Das lange Haar verdeckt das Gesicht fast vollständig und verweigert eine eindeutige Identität oder Gefühlsregung. Die Figur kann dadurch zugleich als Bewahrerin, Trauernde oder Verkörperung jener anonymen menschlichen Macht erscheinen, die über das Schicksal anderer Lebewesen entscheidet.

Auf ihrer Brust zeichnet sich eine helle, schädelartige Form ab. Als klassisches Memento mori verweist sie auf die Nähe des Todes und darauf, wie schmal die Grenze zwischen Leben, Ware und lebloser Trophäe geworden ist. Der leuchtend rosafarbene Alligator hebt sich beinahe unwirklich von dem schwarzen Kleid und dem kühlen türkisfarbenen Hintergrund ab. Seine auffällige Farbe unterstreicht seine Seltenheit, lässt ihn aber zugleich wie ein künstliches Objekt oder exotisches Sammlerstück erscheinen. Das Außergewöhnliche, das ihn für Menschen begehrenswert macht, wird damit gerade zur Ursache seiner Gefährdung.

Die Vanitas-Idee richtet sich hier nicht allein auf die Vergänglichkeit des individuellen Lebens. Sie umfasst ebenso die Flüchtigkeit von Besitz und den trügerischen Wert des Seltenen.

Dass der reale Alligator gerettet wurde, eröffnet dennoch einen vorsichtigen Hoffnungsmoment: Die Hände, die Natur gefangen nehmen, können auch zu Händen werden, die schützen und bewahren.