Inna Artemova

In ihrer Serie „Past Forward“ verleiht Inna Artemova den Gemälden viel Kontrast durch dunkle Hintergründe, die zum Teil mit Bitumen gearbeitet sind und konturenstarke Motive sowie leuchtende monochrome Farbfelder hervorheben. Ihre Gebäude als Schauplätze sind mitunter weiter in den Hintergrund gerückt, so dass sie das Geschehen im Bild nicht mehr einfassen, sondern selber von Naturmotiven umgeben werden. Dadurch wird das vorher einnehmende Wirken der architektonischen Strukturen in Artemovas Bildern begrenzt und mutet ausgewogen an.
Die Funktion dieser Darstellung von Menschen geschaffenen Strukturen in den Bildern der Künstlerin wird deutlicher und übersichtlicher. Die Gebäude sind zwar als immobile Orte zu verstehen, aber offensichtlich dem Werden und Vergehen unterzogen, wofür ihre unvollständige Beschaffenheit steht. Wände scheinen eingefallen zu sein, Dächer nur zum Teil gedeckt oder ganze Gebäudeteile lösen sich in eine Richtung auf. Dabei lässt die äußere Erscheinung der Häuser keinen eindeutigen Rückschluss auf einen Zeitabschnitt zu, da sowohl Anzeichen für Zerfall als auch Aufbau gesehen werden können. Auch da sich Gebäudeteile wie Wände oder Dächer von unten nach oben oben zerlegen, entspricht dies nicht einem gewohnten Bild von Verfall, sondern eher einer unnatürlichen Dekonstruktion wie in einer Explosionszeichnung.
Unvollständig sind in den Bildern von Artemova aber auch Teile der umgebenden Natur, insbesondere Bäume, deren Spitzen sich im Hintergrund auflösen.

An den Rändern des Bildaufbaus lässt die Künstlerin die Farben auslaufen und verblassen, wodurch der eigentliche Bildrand in diesen Bereichen weiß bleibt. Die Lücken der Häuser in ihren Bildern schließen an dieses Schema an, da sich hier inkomplette oder zerfallende offene Strukturen zeigen. Gerade ein Haus ist aber normalerweise ein Inbegriff einer geschlossenen Form. Daher vervollständigt die konditionierte Vorstellung des Betrachters die Strukturen der Gebäude, wodurch es zwangsläufig zu bildlichen Überlappungen kommt, die sich – auch durch Zerfall oder Aufbau angedeutet – nur durch eine zeitliche Abfolge erklären lassen und schließlich die Dynamik einer Animation aufweisen. Insofern liegt hier auch kein Trompe d’oeil, sondern eine Erzählweise der Malerin vor.

Innerhalb dieser treten Menschen und Tiere im Vordergrund übrigens als weitestgehend vollständig und geschlossen geformte Gestalten auf, obwohl sie naturgemäß bewegter und kurzfristiger existieren, insofern also mehr Anlass zu einer Darstellung von Vergänglichkeit geben. Aber diese Lebewesen halten – anders als die gebauten oder auch verwurzelten Gebilde im Hintergrund – den Moment einer Bewegung oder Haltung fest. Im Unterschied dazu können also insbesondere die Häuser Artemovas als Exponenten einer Zeitspanne, eines Zeitvolumens gesehen werden, an denen die Gegenwart quasi vorbei läuft. Als Zeugin solcher Vergänglichkeit erklärt sich auch die Melancholie, die die Architektur der Malerin vermittelt.

Die besagten in ihrer Struktur unveränderten Akteure verkörpern das Moment der Gegenwart, seine bildende Kraft, dessen zeitliche Auswirkung auf die statischen aber sich im Wandel befindlichen Objekte im Hintergrund projiziert ist. Aber die vollständigen Koordinaten in der Raumzeit zeigen eben keine Orte sondern Ereignisse. Und je mehr die Objekte darin an einem Ort fixiert sind, desto größer wird ihre zeitliche Unschärfe, was Inna Artemova insbesondere durch ihre Gestaltung der Prozesshaftigkeit von Bauwerken veranschaulicht.

Text: Matthias Bergemann