Andrea Damp

Am Schmelzpunkt der Wirklichkeit

zur Malerei von Andrea Damp von Roland Puff

 

Die Gattung der Malerei steht als gelebte Tradition bedingungslos in einem Bezug zu ihrer Geschichte. Ihre Errungenschaften, seien es die Perspektive zu Beginn der Renaissance oder die „Erfindung“ der Abstraktion im auslaufenden 19. und jungen 20. Jahrhundert, sind undenkbar ohne historische Vorläufer und Anreger, deren Bedeutung und Existenz trotz ihre Weiterentwicklung und mitunter auch Überholung gefestigt, konserviert und beinahe unauslöschlich wird.

In einer solchen Entwicklungs- und Bewusstseinslinie ist die Malerei von Andrea Damp seit ihren frühesten Anfängen zu begreifen. 
Die Schaffung von Atmosphäre, der Moment des Erzählens, das Ausprobieren und die Erlangung künstlerischer Fertigkeiten waren ihr von Anbeginn Antrieb.
Ihr durch viele Lebensstationen geformter und beeinflusster Weg führte die Malerin zu einem eigenständigen, künstlerischen Werk, das Emotionen und Ratio auf eine Weise anspricht und anregt, die in dieser Form nicht in der Natur zu finden ist und deren Wirkung demgemäß ebenso wundervoll künstlich und einzigartig ist.

Diesen Kurs einzuschlagen erfordert ein offenes Auge, Reflexion und ein Empfinden gegenüber den Entwicklungen der Malerei und den künstlerischen Leistungen der Vergangenheit. Zudem ist aber auch ein Höchstmaß an Neugierde notwendig, um das Experiment zu wagen, vertraute Pfade und gewonnene Erkenntnisse aufzugeben; künstlerisches Neuland zu betreten und Werke zu schaffen, die dem Kanon des Historischen und Gesicherten etwas hinzufügen.

Die Werke von Andrea Damp entstehen in einem langsamen, zeitintensiven Prozess, in dem die einzelnen Etappen der Bildwerdung aufeinander folgen.
Schritt für Schritt und Schicht für Schicht beginnt die Künstlerin, wässrige Lösungen von Acrylfarben auf die noch leere Leinwand aufzutragen. Die unterschiedlichen Konsistenzen, von flüssig bis pastos, verhalten sich gegen- und miteinander und nach jedem Trocknungsprozess wird das Ergebnis geprüft.
Immer wieder werden in Zwischenschritten noch feuchte Partien abgewischt, Nebel von Lackfarben aufgesprüht und bestimmte Partien gezielt bearbeitet, bis sich ein künstlicher Raum aus Farbe, Struktur und Materie gebildet hat, dessen Qualität darin liegt, ein vielfältiges Assoziationspotenzial in sich zu tragen.
Diese Räume bestechen durch ein ausgeklügeltes Kolorit, enormen Detailreichtum und eine bis ins Kleinste komponierte Struktur.
Einzig fehlt ihnen in diesem Stadium jede erzählerische Fähigkeit. Man würde sie als abstrakt bezeichnen.

Bis zu diesem Punkt arbeitet Andrea Damp in ständigem Dialog mit dem historischen Gerüst der Malerei.
Kompositions- und Farblehre sind ihr ebenso präsent, wie die vielfältigen formalen Experimente und Konzepte der abstrakten und gegenstandsfreien Kunst und besonders jener Malerei, die mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschritten wurde.
Dazu zählen die gestischen Kraftakte Jackson Pollocks oder die zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit oszillierenden Werke der dänisch-belgisch-niederländischen Künstlervereinigung CoBrA, die als eine der einflussreichsten europäischen Gruppierungen jener Zeit gilt.
Diesen und weiteren Künstlern jener Ära hat besonders die Malerei eine enorme Bereicherung ihres Vokabulars zu verdanken, indem das Primat der Gegenständlichkeit endgültig endete und die Gegenstandslosigkeit ihr gleichberechtigt zur Seite gestellt wurde.

Allerdings haben die Werke von Andrea Damp auf den ersten Blick wenig gemein mit den heroischen und kraftstrotzenden Werken der „Post War“ Ära und erscheinen alles andere als abstrakt.

„Das Staunen ist die Einstellung eines Mannes, der die Weisheit wahrhaft liebt,
ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.“ Platon: Theaitetos

Hier verlässt die Malerin den historisch gezeichneten Weg und tritt in einen Prozess ein, in dem sie suchend, spielend, staunend und findend das bisherige Werk mit Gegenständlichkeit anreichert und zu jener erzählerisch poetischen Welt werden lässt.

Über viele Jahre hat Andrea Damp einen gewaltigen Bildfundes recherchiert und angelegt, aus dem heraus sich das Personal und fast alle gegenständlichen Elemente ihrer Bilder speisen.
Eine solche Vorgehensweise und die Quellen dieser Bilder sind wichtige zeitgenössische Aspekte ihrer Werke, denn erst seit wenigen Jahren erlaubt die Flut der Bilder, die tagtäglich in unterschiedlichster Form um dem Erdball kreisen, das Anlegen eines solchen Archivs.

Lange galt es als schöpferischer Auftrag der Bildenden Kunst, etwas Nichtexistierendem durch Umsetzung in Malerei, Bildhauerei, etc., eine physische, fassbare Gestalt zu verleihen.
In einer Zeit, in der täglich Millionen Bilder neu entstehen, existiert für beinahe jede Idee bereits ein ihr Ausdruck verleihendes Bild, das es aus den Tiefen zu bergen gilt.

Aus einem kontinuierlichen Prozess von Suchen, Forschen und Verwerfen ist in dessen Verlauf ein umfangreicher Atlas entstanden, der immer weiter anwächst und Vorschläge und Antworten auf komplexeste Fragestellungen bereithält, die die Künstlerin an ihn richtet.
Mit seiner Hilfe erforscht Andrea Damp das Potenzial ihrer Kompositionen, die sie als Untermalungen bezeichnet und die den abstrakten Teil des Entstehungsprozesses beschreiben.

Durch Überblendung und Einarbeiten erhalten Figuren und Gegenstände Eintritt in die Malerei und lösen einen Veränderungs- und Verwandlungsprozess aus. 

Ist ein Motiv gefunden, das im Zusammenspiel mit der Untermalung einen Kosmos schafft, der in Erzählung und Atmosphäre der Intention der Künstlerin Ausdruck verleiht, wird in feinster Ölmalerei das Motiv mit dem Bestehenden verflochten.
Mit sensibler Raffinesse wird die Figuration in die bestehende Komposition hineingewoben, werden Details vor- oder hintereinander gestaffelt und die bestechende Illusion von Perspektive und räumlicher Tiefe geschaffen. 
Gestische Pinselspuren wandeln sich zu Vegetation, Horizonte gewinnen Form, Wasser zeichnet sind ab und beginnt zu fließen und Wolken verdichten sich zu Türmen. Oft sind es kleine und kleinste Zugaben, die ein Bild vollkommen verändern können und in eine erzählerische Welt voll Ausdruck, Assoziationen und Emotionalität verwandeln.
 In den Themen und Motiven der Bilder selbst verweben sich das künstlerische Vorgehen und die Biografie von Andrea Damp auf eine gänzlich eigenständige Art, so dass ein Schatten ihrer persönlichen Geschichte über jedem ihrer Werke liegt.

 

1977 wurde Andrea Damp auf der zum Gebiet der damaligen DDR gehörenden Insel Rügen geboren.
Ihr am südöstlichsten Ende der Insel befindliches Heimatdorf wurde im frühen 19. Jahrhundert gegründet und liegt inmitten der historisch vielschichtigsten Region der Insel, die bereits Caspar David Friedrich inspirierte und in der die Residenzstadt Putbus, das von Karl Friedrich Schinkel mitentworfene Jagdschloss „Granitz“, die im 19.Jahrhundert gegründete Rügensche Kleinbahn und die umfangreichste Anlage von Großsteingräbern der Insel von einer bewegten Vergangenheit erzählen. Seine damalige Form hat der kleine Ort kaum verändert, bis in die Gegenwart bewahrt und über Generationen lebt die Familie mit der Natur und von der Fischerei.

Bereits in frühester Kindheit hat sich die Liebe und die Begabung zur Malerei gezeigt, zunächst gefördert durch den im Umgang mit Farbe und Pinsel versierten ehemaligen Dorfschullehrer, der ihr erste Grundkenntnisse vermittelte.
Ab ihrem 16. Lebensjahr erhielt Andrea Damp Malunterricht durch einen auf Rügen lebenden Künstler, der an der Kunsthochschule in Berlin Weißensee lehrte und aktiv im Kulturschaffen der ehemaligen DDR wirkte. 

Durch diese Förderung und ihr intensives Arbeiten entstand bereits früh eine große Zahl gegenständlicher Werke: Landschaften, Seestücke und Stillleben, die von einer außergewöhnlichen Begabung und Farbgefühl geprägt sind.

An der Berliner Universität der Künste (UdK) wurde Andrea Damp in die Klasse von Prof. Hans-Jürgen Diehl aufgenommen. Diehl war ein wichtiger Vertreter des kritischen Realismus, der mit dem Ende der deutschen Teilung sein bisheriges, realistisches Werk als abgeschlossen erklärte und sich von der Gegenständlichkeit abwendete. 
Seitdem verfolgt er eine abstrakte, nicht erzählerische Malereiauffassung, die auch im Zentrum seiner Lehre stand. Mit ihm steht Andrea Damp bis heute in engem Kontakt und Austausch.

Auf diesen beiden Säulen: Der frühen, erzählerischen Prägung ihrer Zeit auf Rügen und der streng abstrakten Sichtweise ihrer Studienzeit in Berlin ruht das Werk von Andrea Damp. Die Ambivalenz dieser beiden Denkweisen bildet bis heute das Fundament und begründet den ästhetischer Reiz ihrer Malerei.

„Der Zauber steckt immer im Detail“ Theodor Fontane

 

Zur Werkreihe Déjà-vu von Andrea Damp

2012 begann Andrea Damp mit einer Serie von Kleinformaten, die unter dem gemeinsamen Titel „Déjà-vu“ stehen.
Seitdem arbeitet die Malerin immer wieder an einzelnen Bildern und kleinen Serien mit diesem Titel, die sich so über die Jahre zu einer festen Größe in ihrem Werk entwickelt haben und für die sie ausschließlich zwei Leinwandformate nutzt: Ein Hochformat mit den Maßen 30 x 24 cm und ein Querformat, das 30 x 40 cm misst.

Es sind persönliche Bilder, Momente, die der Erinnerung mitunter zu entgleiten drohen aber die in ihrem Ausdruck und in ihrer Intensität einen universellen, allgemeingültigen Anspruch besitzen. In ihnen beschwört, verarbeitet und konserviert die Künstlerin die Zeit, die Momente und die Gefühle ihrer Kindheit auf Rügen und die Unbeschwertheit, an einem der schönsten und entlegensten Flecken Deutschlands herauf.

Hier wurde der Boden bereitet, auf dem sich das Alleinsein von der Einsamkeit trennen konnte. 
Auf einer Vielzahl dieser kleinen Bilder sind die Protagonisten allein. Versunken im Handeln oder Denken bleibt die geschilderte Aktivität auf ein Minimum reduziert. Befreit von ablenkenden Faktoren beschreiben jene Werke ein Kontinuum zwischen Figuration und Umgebung, zwischen erzählender Gegenständlichkeit und malerischer Abstraktion.
Der Zustand der Selbstvergessenheit war ein prägendes Gefühl der Kindheit von Andrea Damp, der in der Beschäftigung mit der Malerei und im Entstehen dieser Bilder auf ein Neues lebendig werden kann.

Jedes der kleinformatigen Werke ist in sich abgeschlossen. Allen gemeinsam ist die gleiche Höhe von 30 cm, die es ermöglicht, einem Filmstreifen vergleichbar Sequenzen zusammenzufügen, die mit steigender Bildzahl ein immer feineres und differenzierteres Panorama dessen zeichnen, was die Künstlerin in ihnen konserviert und im lebendigen Gedächtnis hält.

Ihr Kolorit ist geprägt von den frühesten Malerfahrungen Andrea Damps. Malerfahrungen auf einer Insel, auf der Wolken, Wasser und Natur im Laufe der Jahreszeiten Eindrücke von größter Intensität hinterlassen.

Die über viele Jahre und inzwischen Jahrzehnte erworbenen handwerklichen Fähigkeiten und der stete Diskurs über Malerei, die Auseinandersetzung mit Gegenständlichkeit, Abstraktion und Informel, alles das fließt in diesen kleinen, ruhigen, konzentrierten, erzählenden und virtuosen Bildern zusammen und weist ihnen einen herausragende Stellung sowohl im Werk der Künstlerin als auch in der Malerei ihrer Generation zu.