
Carsten Schulz -LOCKDOWNBEATS-
10. September – 1. November 2025
Vernissage: 10. 9. 2025, 18–22 Uhr
zur Ausstellung erscheint ein umfassendes Buch im finebooks Verlag
Berlin Art Week Öffnungszeiten: Donnerstag, den 11. September 13 – 20 Uhr, Freitag, den 12. September 12 – 19 Uhr, Samstag, den 13. September 12 – 19 Uhr, Sonntag, den 14. September 13 – 18 Uhr
Mit den Werken der Ausstellung „Lockdownbeats“ richtet der Berliner Fotograf Carsten Schulz den Blick auf eine Phase der Zäsur: das plötzliche Verstummen einer Stadt, deren Nachtleben sonst ununterbrochen pulsierte. Ausgehend von den während der Pandemie verwaisten Clubs entstanden Fotografien, die weit über eine reine Dokumentation hinausreichen.
Schulz verwandelt Orte des wilden Feierns und kollektiven Erlebens in stille Bildräume. Er verdichtet sie atmosphärisch und formal klar, assoziierend die Ästhetik sogenannter Lost Places. Hinzu kommen die Porträts der zu dieser Zeit quasi zwangsbeurlaubten Zeremonienmeister dieser Orte: ihre Resident-DJs, in ihren gewohnten Habitats doch gänzlich ohne das belebende Publikum.
Was während des Lockdowns als Momentaufnahme begann, entfaltet sich heute als eindringliches Zeitdokument über die Fragilität eines kulturellen Ökosystems. Die Berliner Clubszene, einst Synonym für Freiheit, Exzess und künstlerisches Experiment, ist nicht nur von den Nachwirkungen der Pandemie gezeichnet. Sie gerät außerdem zunehmend unter Druck durch strukturelle
Veränderungen und wirtschaftliche Dynamiken.
Die Gegenwart des Verschwindens
Die aktuelle Situation wirft ein scharfes Licht auf die prekäre Lage der Clubs: steigende Mieten, sinkende Besucherzahlen, wirtschaftlicher Druck und politische Trägheit bedrohen zunehmend ihre Existenz. Medien berichten von einer fortschreitenden Schließungswelle. Analysen sehen fast die Hälfte der Berliner Clubs im Jahr 2025 existenziell gefährdet. Spielstätten wie Watergate, Wilde Renate oder KitKat haben ihre Schließung angekündigt oder kämpfen ums Überleben. Die jüngst erfolgte Anerkennung der Technokultur als immaterielles UNESCO-Kulturerbe würdigt zwar ihre Bedeutung, kann jedoch den Fortbestand dieser Orte nicht garantieren.
In diesem Kontext entfaltet Schulz’ fotografische Arbeit eine besondere, ästhetisch- dokumentarische Dringlichkeit. Seine Bilder eröffnen neben der Schönheit der Leere auch deren Sog und lassen unschöne Möglichkeiten antizipieren. Zeigen seine Fotografien ein besinnliches Interim oder eine Stille, die bleibt?
Gesichter des Nachtlebens
Als konzeptuelle Ergänzung der „Lockdownbeats“-Serie entstanden klassische Schwarz-Weiß- Porträts jener Persönlichkeiten, die das Berliner Nachtleben über Jahre hinweg musikalisch geprägt haben – die DJs. Anders als die Farbaufnahmen der Clubs sind diese Porträts betont reduziert und monochrom gehalten. Die Porträts der DJs sind ganz bewußt in deren verlassenen
Schaffensorten entstanden und verdeutlichen die Diskrepanz dieser Performer: vorübergehend außer Dienst und ohne Publikum.
Weitere Informationen zum Künstler:
Carsten Schulz, geboren 1969 in Berlin, ist Fotograf und Ingenieur. Die initiale Prägung erhielt er durch die Kameraausrüstung seines Großvaters, mit der er früh ein Gespür für Licht, Struktur und Atmosphäre entwickelte. Seit 1997 arbeitet Schulz intensiv als Fotograf – zunächst mit Fokus auf Landschaft, Stills und Action, später auch in der Werbe- und People-Fotografie. Seine Bildsprache oszilliert zwischen technischer Präzision und emotionaler Dichte, zwischen Konstruktion und Atmosphäre, Bewegung und Stillstand.
Projekt & Zusammenarbeit:
Kongenial hat Editor-in-Chief Juliane Behnfeldt dieses komplexe Projekt gesteuert. Neben der künstlerischen Koordination, zeichnet sie nicht zuletzt für die umfangreiche Kommunikationsleistung verantwortlich, verbindet sie doch sowohl ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Fotografen Carsten Schulz, als auch ihre intensiven Kontakte in die Musik- und Club Branche zu diesem Gesamtkunstwerk.
Die DJ‘ und die Clubs:
Alex Gallus – Haubentaucher (indoor)
Alex Gallus gilt als Berliner DJ-Urgestein, der seit den frühen 1990er-Jahren mit seinem legendären Plattenladen „Such a Sound“ Generationen von DJs geprägt hat. Seine Sets bewegen sich zwischen Deep House, Electro und Funk, oft mit einem Gespür für geschmeidige Übergänge und urbane Eleganz.
Der Haubentaucher selbst ist seit 2015 ein mediterran anmutender Rückzugsort im industriellen Herzen des RAW-Geländes in Friedrichshain. Ein Pool mit Sonnendeck, eingebettet in historische Hallen des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks, verbindet sommerliche Leichtigkeit mit rauem Charme, Bühne für Musik, Kultur und Berliner Subkultur.
DJ Noppe – Haubentaucher (outdoor)
DJ Noppe ist seit Mitte der 1990er eine feste Größe in der Berliner Szene, bekannt für stilistische Vielseitigkeit von Deep House über Tech-House bis Nu-Disco. Er steht für ein warmes, energetisches Klangbild, das die Stimmung eines Ortes intuitiv aufgreift.
Der Haubentaucher outdoor ist der sommerliche, offene Bereich des Areals, in dem Musik und Wasser zu einem urbanen Festivalgefühl verschmelzen, ein Ort, an dem sich Clubbing und Open-Air-Kultur verbinden.
DJ Paradoxx – Insomnia
DJ Paradoxx verbindet harte Techno-Beats mit tranceartiger Euphorie und formt daraus Sets, die sowohl druckvoll als auch erhebend wirken. Seine Musik changiert zwischen düsterem Drive und euphorischen Spitzenmomenten.
Das Insomnia ist ein hedonistischer Nachtclub im ehemaligen Kino von Tempelhof, gegründet 2006 von Dominique. Es verbindet erotische Performancekunst mit Clubkultur, ist Treffpunkt der Fetisch und queeren Szene und bekannt für opulente, sinnliche Inszenierungen.
DJ Ployceebell – SchwuZ
Seit über 15 Jahren ist DJ Ployceebell ein fester Bestandteil der Berliner Clubszene. Ihr Repertoire reicht von Hip-Hop, R&B und House bis zu Pop, 70er/80er/90er-Hits und aktuellen Charts. Sie steht für tanzbare Sets, die unterschiedliche Communities zusammenbringen.
Das SchwuZ, 1977 gegründet, ist einer der ältesten queeren Clubs Deutschlands. Es war lange ein Zentrum für LGBTQ+ Kultur und Politik, zog 2013 nach Neukölln in eine größere Location. Im August 2025 meldete es Insolvenz an, Symbol der aktuellen Krise in der Berliner Clublandschaft.
DJ Senay – Solar
Senay Gueler, geboren 1976 in Hessen, ist DJ, Model, Schauspieler und Blogger. Sein Musikstil vereint House und Electro mit charismatischer Bühnenpräsenz.
Das Solar thront als gläserner Kubus im 17. Stock eines Kreuzberger Gebäudes.
Mit Panoramablick und elegantem Interieur wird hier Clubkultur zum urbanen Hochgefühl, Architektur als Verlängerung der Musik.
DJ Tomekk – Maxxim
Tomasz „DJ Tomekk“ Kuklicz, 1975 in Krakau geboren, ist ein Pionier des deutschen Hip-Hop. Mit Kollaborationen wie „1, 2, 3… Rhymes Galore“ und seiner Rolle als Radiomoderator (Kiss FM, MTV) prägte er die Szene nachhaltig.
Das Maxxim in West-Berlin steht seit 2007 für opulentes Club-Entertainment mit Disco-Ästhetik, Show-Acts und einer Mischung aus House, Charts und Partyklassikern.
DJ Vilify – Void
Die aus Kanada stammende DJ Vilify ist international bekannt für genreübergreifende Sets von Drum & Bass über Techno bis Bass Music. Ihre Auftritte sind energiegeladen und experimentierfreudig.
Der Void Club im Osten Berlins versteht sich als „by ravers for ravers“. Seit 2015 bietet er ein minimalistisches, aber intensives Setting für harte elektronische Genres, ein Epizentrum der Subkultur.
Harris – 808 Club
Oliver Harris, geb. 1976 in Kreuzberg, wurde als Rapper des Duos Spezializtz bekannt. Er verbindet Hip Hop Roots mit charismatischer Bühnenenergie und ist fester Bestandteil der Berliner Musikszene.
Der 808 Club im Bikini Berlin (seit 2017) bietet ein stylisches Design in Blau und Rosatönen, kombiniert mit hochwertigem Sound. Er zieht ein internationales, trendbewusstes Publikum an.
Kalle Kuts – Gretchen
Kalle Kuts ist DJ und Kurator, bekannt für soulige, funkige und elektronische Sounds, oft mit urbanem Groove.
Das Gretchen in Kreuzberg befindet sich in einer ehemaligen Reithalle von 1854. Mit gotischen Gewölben und eklektischem Musikprogramm ist es ein Ort für klangliche Grenzgänge von Drum & Bass bis Jazz.
Martin Ka – Wilde Renate
Martin Ka ist eng mit der alternativen Berliner Clubszene verbunden, bekannt für eklektische Sets, die House, Techno und Disco mischen.
Die Wilde Renate in Friedrichshain ist ein verwinkeltes Clubareal in einem Altbaukomplex, berüchtigt für seine Labyrinthstruktur und thematisch gestalteten Floors, ein Ort zwischen Rave Mythos und Kunstinstallation. Ende 2025 wird die Wilde Renate für immer schliessen.
San Gabriel – Spindler & Klatt
San Gabriel bringt melodische, cluborientierte Sets mit einem Hauch internationaler Einflüsse. Spindler & Klatt am Spreeufer ist ein Restaurant Club Hybrid, der asiatisch inspirierte Gastronomie mit einer eleganten, wandelbaren Event und Partylocation verbindet, Teil der gehobenen Berliner Nachtlandschaft.