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Über – Martin Stommel

Stille Kraft und kühner Strich: Martin Stommels Humanismus

Was Martin Stommel malt, bildet seit je den Mittelpunkt der darstellenden Kunst, nämlich der Mensch. Stommel weiß um die malerischen Genies, welche in der langen Geschichte figurativer Darstellung die Messlatte unerreichbar hoch gelegt haben. Jedes künstlerische Werk aber taucht aus seiner eigenen Zeit auf, ja bedarf seiner, um überhaupt bestehen zu können. Martin Stommels malerisches Werk datiert am Beginn des 21. Jahrhunderts, und wer die Arbeiten genauer Prüfung unterzieht, erkennt, dass die lange Tradition menschlicher Darstellung hier nicht wiederholt, sondern schöpferisch fortgeschrieben wird. Martin Stommels Arbeiten zeigen den Menschen kämpfend, liebend, ruhend, tanzend, zeigen ihn in der Gemeinschaft und allein, im wirklichen Sein und im Traum. Mit diesen Stichworten ist ein ganzer Kosmos evoziert, aber nur drei Aspekte seien dieser Stelle hervorgehoben: Menschlicher Leib, Mythos, Moralität. Martin Stommel ist wie besessen von der Ästhetik des menschlichen Leibes. Solches Interesse meint zunächst das künstlerisch-handwerkliche Problem genauer Wiedergabe. Es fällt schwer, in den Darstellungen Fehler nachzuweisen, etwa eine falsche Schulter, einen ungenauen Arm, einen verkürzten oder zu langen Hals. Was Martin Stommel malt, ist in sich stimmig, wobei abgebildete Anatomie und künstlerische Absicht sich verschränken. Der Katalog zeigt diesbezüglich wunderbare Studien, und insbesondere die artistischen Darstellungen des Breakdance lassen sich als Lobpreis auf die Schönheit des menschlichen Körpers deuten. Stommels vorrangiges Ziel aber ist die Darstellung des ganzen Menschen, in der das Körperliche notwendig durch das Seelische ergänzt ist. Die Erkenntnis, dass nur der beseelte Mensch entscheidender künstlerischer Maßstab sein kann, hat Martin Stommel durch seine umfassende Illustration von Dantes Göttlicher Komödie Anfang des Jahrhunderts ausdifferenziert und maßgeblich vertieft. Stolz und Habgier, Mut und Härte, Zartheit und Milde, Geborgenheit, Angst – ihr mannigfacher Ausdruck in den Bildern ist ein schwer auslotbarer künstlerischer Schatz. Der Mensch ist anfechtbar, gewalttätig, verführbar – solche Einsicht ist in Martin Stommels künstlerischem Denken tief verankert. Hier haben die vielen Darstellungen ihren Ort, die auf antike und biblische Mythen zurückgehen und anspielen. Stommel hat seinen Homer, Dante und Tolstoi gelesen. Die Menschen auf diesen Bildern sind nie gleichgültig, sondern in umfassendem Sinn strebend, suchen Herausforderung und Wagnis. Martin Stommel ist Handwerker und geistiger Mensch, sinnlicher Maler und nachdenklicher Moralist. Breakdance und Engelssturz zeigen als Extreme die ganze Bandbreite dessen, was die künstlerische Faszination an der menschlichen Bewegung ausmacht, von unschuldiger Freude an der Beherrschung des eigenen Körpers bis zu schuldhafter Entfernung von Gott im Moment der Erschaffung der Welt. Stommels Darstellungen eignet durchweg eine ungewöhnliche Kraft, die Bilder sind nichts für zaghafte Betrachter. Wer sich aber von ihrem Reiz gefangennehmen läßt, entdeckt den ganzen Reichtum der Kunst, freut sich an der Betrachtung der Farben und Formen, von Hell und Dunkel auf Bildern, die das menschliche Sein vor Augen führen, ein klassisches Pictura docet et delectat. Wer den Maler persönlich kennt, weiß um seinen gesunden, auch warmherzigen Humor. Die damit verbundene Leichtigkeit kommt gelegentlich in den Bildern zum Tragen, eigens erwähnt sei die Darstellung der drei Grazien, die sich mit all ihrer Schönheit im Dorngestrüpp verheddern, ein Bild, welches zugleich Stommels souveräne Kunst der Komposition beispielhaft zeigt. Martin Stommel ist über die Jahre zu immer größeren Formaten gelangt. Wer den künstlerischen Anspruch dahinter versteht, empfindet diese Entwicklung als etwas Natürliches, wenn nicht Unvermeidliches. Man möchte diesem Maler ein weißes Deckengewölbe in einem Renaissance-Schloss wünschen, auf dem er den menschlichen Kosmos darstellen kann. Martin Stommel lebt im falschen und richtigen Jahrhundert.

Thomas Brückner, 2017

Der unendliche Raum. Neue Werke von Martin Stommel in der artfein Gallery (30.3.2017)

Der ungeheuren Bewegungsfülle seiner Bilder, der Vielfalt von Begebenheiten, bildhaften oder dramatischen Augenblicken, von Gesten, Blicken, dem Tumult der Formen kann man sich schwer entziehen. Das Spiel mit Licht und Schatten, Helligkeit und Dunkel, Bewegung und Statik, Gegenständlichkeit und Abstraktion, Imaginativem und Real-Authentischem fasziniert und irritiert zugleich. Der Künstler lässt den Betrachter in Abgründe blicken oder hält ihn schwebend in einer Zwischenlage, einen festen, sicheren Standort gewährt er ihm nicht. Er findet – auch in Alltagsszenen – unerhört suggestive Bilder, Sinnbilder, Gleichnisse, die aber schwer zu deuten sind.

Wie soll man diesem Künstler beikommen?

„Wir müssen teilhaben an dem großen zukünftigen Elend“, schrieb Max Beckmann 1920. Wir müssen unsere Herzen und Nerven den getäuschten Menschen bloßlegen, die schreien, weil man sie belogen hat…die einzige Rechtfertigung unseres Daseins als Künstler, denn wir sind überflüssig und egoistisch, ist es, die Menschen mit den Bildern ihres Geschickes zu konfrontieren“. Seine Absicht war es, den Expressionismus durch eine direkte, „objektive“ Sicht der Ereignisse hinter sich zu lassen, expressionistisches Selbstmitleid durch ein umfassenderes Mitleid mit den Opfern der Geschichte zu ersetzen. Er berief sich auf eine „Kunst des Raumes und der Tiefe“ – als die einzige, die die Last sozialer Bedeutungen tragen könnte: „Ich weiss, dass ich niemals das volle Volumen aufgeben werde. Keine Schnörkel, keine Kalligraphie, sondern Fülle, das ‚Plastische’“.

Zunächst ist zu sagen: Auch die Bilder von Martin Stommel tragen die Metapher des Schauspiels in sich. Sie führen sich als Bühnen ein, auf denen die Stoffe, die aus dem Leben kommen, wie Lehrstücke des menschlichen Daseins aufgeführt werden. Damit legt der Künstler auch eine Distanz zwischen die Inhalte und die Darstellung einer immer noch gegenständlichen Malerei, die schon in die Defensive geraten war. Die Darstellung ist aber weniger Abbild als vielmehr allegorische Spielform, wie sie auch das reale Theater gewählt hat, um dem psychologischen Realismus zu entkommen. Die Bilder sind mit Bühnenbildern der expressionistischen Simultanbühne zu vergleichen. Ihre innere Verwandtschaft mit der Parabel im zeitgenössischen Theater ist allerdings noch aufschlussreicher. Sie erweitern nicht nur die Erzählform eines einzelnen Bildes, sondern verändern gleichzeitig die Darstellung ihrer Stoffe, indem sie die eigene Inszenierung offenlegen.

Deshalb ist es Martin Stommel auch möglich, uralte Mythen auf dieser Bühne aufzuführen, die ohne einen solchen Hintergrund heute seltsam anmuten würden. Erinnern wir uns, dass das Theater den verlorenen Mythen im alten Griechenland eine zweite Präsenz verschafft hat. Die Mythen lebten einmal im antiken Schauspiel weiter, das ihnen eine andere Wahrheit verlieh und sie in zeitlose Bilder verwandelte, die viele Deutungen zuließen. Erinnern wir uns ebenso daran, dass das griechische Theater erstmals das perspektivische Sehen erlaubte, als das Publikum hier vor einem gerahmten Blickfeld die geordnete Wahrnehmung einübte. Das Ritual, das im antiken Schauspiel herrschte, hat auf das moderne Theater eine große Faszination ausgeübt. Auch Martin Stommels Schauspieler-Figuren führen archaische Rituale auf, deren alten Sinn sie freizügig benutzen, ohne ihn mit eigener Kraft herstellen zu müssen. Sie übersetzen gleichsam einen dunklen Text in eine moderne Sprache, in welcher er ebenso dunkel bleibt. Es scheint auch irgendwie, dass sie das Spiel, in dem sie auftreten, selbst nicht ganz verstehen. Unter Martin Stommels Regie mischen sich Götter und Helden der griechischen Mythologie (Prometheus und der Adler, Ikarus, Euterpe, Thanatos und Eros u.a.), biblische Figuren, Gestalten aus der Märchenwelt, der Weltliteratur, Sinnende, Im Nichtstun Verharrende, Musizierende, unter Komparsen, Statisten Akrobaten, Clowns und Liebende. In diesem Spiel gibt es keine Grenzen zwischen Zeiten und Räumen.

Grundsätzlich ist zu bemerken, dass Martin Stommel auf keiner seiner Tafeln eine nennenswerte Raumtiefe im illusionistischen, also linearperspektivischen Gesetzen folgenden Sinne gestaltet. Alle Figuren sind nah an den vorderen Bildrand gerückt und vermitteln dadurch den Charakter einer Schaubühne. Die Figuren sind nicht etwa in einen linearperspektivisch konstruierten Raum hineinkomponiert, in dem sie dann einen spezifisch definierten Standort einnehmen, sondern werden, gleichsam mittelalterlichen Darstellungsprinzipien folgend, ohne Größenmaßstabsverschiebung vor allem durch Staffelung und Überschneidung in ein räumliches Schema gebracht.

Während seine Figurenbildung und –darstellung sehr nahe in der Wirklichkeitserfahrung bleibt und damit relativ konservativ erscheint, benutzt Martin Stommel bei der Raumdarstellung Bildmittel, die nicht aus der darstellend-illusionistischen Seherfahrung gewonnen sind und die daher wesentlich avantgardistischer erscheinen. Seine Bildgestaltung ist niemals nur eine Reflexion über das Medium des Bildes selbst. Zielinstanz ist bei ihm eindeutig das Leben und nicht die Kunst. Kunst dient der Erkenntnis, nicht der Unterhaltung oder dem Spiel, so etwa hat es Max Beckmann gesagt – und so könnte man auch das Credo von Martin Stommel definieren. Aber diese Erkenntnis ist wohl nicht in greifbare, sofort abrufbare Aussagen zu übersetzen – so glaube ich -, sondern sie besteht vor allem in der Kraft der Bilder. Der Mensch stellt für ihn in seiner Verwurzelung im Diesseits einen faktischen Bestand dar, der ihn künstlerisch zur Rücksicht auch auf seine optische Erscheinung – und folglich Darstellung – zwingt. In keiner Schaffensperiode nimmt sich Martin Stommel die Freiheit, die menschliche Figur aus formalem Interesse so zu verfremden, wie dies etwa Picasso getan hat.

Raum definiert sich für den Künstler als Negativform, als Leere, und ist in diesem Sinne nicht eigentlich darstellbar, obwohl all-gegenwärtig. Raum vermittelt sich – ähnlich wie Licht – nur über die Brechung von Begrenzungen oder Gegenständen, die ihn unterbrechen und damit erfahrbar machen. Erinnern wir uns noch einmal an das Beckmann-Zitat aus dem Krieg des Jahres 1915: „Dieser unendliche R, dessen Vordergrund man immer wieder mit etwas Gerümpel anfüllen muss, damit man seine schaurige Tiefe nicht so sieht“. Beckmann stellte in seinem Frühwerk nicht Raum, sondern Weite bzw. Tiefe dar, die er meist in Meeresdarstellungen thematisierte. Es ging ihm dabei um das Gefühl der Verlorenheit des Menschen angesichts der Unendlichkeit und seinem daraus resultierenden Bedürfnis nach Selbstbehauptung. Zwischen Raum und Weite bzw. Tiefe besteht jedoch ein bedeutender Unterschied. Weite lässt sich im illusionistischen Sinne mit Hilfe der Zentralperspektive darstellen, denn Weite bezieht sich immer auf das Jenseits eines definierten Betrachterstandpunkts. Raum hingegen ist ein Abstraktum, das ihn ringsum umgibt, also nicht nur in eine Richtung fluchtet. Die romantischer Tradition entspringende Empfindung von Ferne und Weite in Beckmanns Frühwerk hat denn auch kaum etwas gemein mit seiner Raumkonzeption der 1930er Jahre. Um Raum ging es Beckmann nunmehr bei allen seinen Triptychen.

Die metaphysisch empfundene Bedeutung von Raum bietet vielleicht auch eine Erklärung dafür, dass Martin Stommel in der Darstellung von Raum sich in seinen Bildmitteln weniger an einer ‚Wirklichkeit’ orientieren muss, sondern auf abstrakte, nicht illusionistisch darstellende Formen zurückgreifen kann. Raum ist etwas Jenseitiges, per se schon Abstraktes, während die menschliche Figur dem Diesseits angehört und daher formal sich nicht zu weit von ihrer Erscheinung lösen darf. Die Schaffung eines Raumeindrucks nicht über eine wissenschaftlich-empirische, d.h perspektivisch konstruierte Tiefenillusion, sondern über künstlerisch-abstrakte Bildmittel, nämlich durch bildparallele Farbflächen, die sich zu vielen transparenten Farbschichten aufbauen und damit Tiefe vermitteln, könnte man daher als konzeptionellen Bestandteil von Martin Stommels Bildgestaltung werten.

Die Rolle des Clowns, des Pierrots oder Harlekins hatte sich schon im 19. Jahrhundert zur Identifikationsfigur schlechthin für den Künstler entwickelt. Die Mischung aus Artist, Gaukler und traurigem Clown bildete sich dann zur Kult- und Identifikationsfigur des Künstler-Bohemiens heraus. Auch für Martin Stommel aktiviert sich sein Selbstverständnis als Künstler in der Figur des Clowns. Doch die Möglichkeit, aus der Rolle in die Authentizität hineinzuwachsen, besteht für ihn nicht. Die Figur spielt für ihn eine Rolle, die keine Wirklichkeit werden kann. Man kann nur in der Rolle verharren. Die Rolle bleibt Rolle. Mit der Figur des Clowns, die ja gerade für ein freies menschliches Dasein steht, gibt Martin Stommel in diesem Falle ein Bild der menschlichen Unfreiheit. Andererseits kann das Rollenspiel aber auch ganz zwanglos aus dem spielerischen Erproben der Imagination entstehen, die neue Welten eröffnet.

Ja, Martin Stommels Bilder sind gemalte Weltbilder im Wandel. Sie halten nicht nur Veränderungen einer Außenwelt fest, sondern sind in ihrer offenen Bildstruktur auch selbst Projektionsfläche für Verwandlungen und Metamorphosen, letztlich für eine Gestaltung, die der Betrachter leisten muss und die Martin Stommel von diesem auch ausdrücklich einfordert. Die Imagination ist für den Künstler die Kraft des Menschen, die Verwandlung bewirken kann und die durch diese Verwandlungskraft die Welt in Bewegung, am Leben erhält. Martin Stommels inhomogene Bildstruktur liefert aber nur Fragmente von Bilderzählungen und Erzählmustern – und diese Fragmente ergeben eben keine schlüssige Bilderzählung mehr. Es ist die Grunderfahrung und –überzeugung von der Unübersichtlichkeit, ja von der Absurdität der Welt, die dennoch von Martin Stommel nicht zum Anlass für eine Kapitulation genommen wird, sondern ihr Heil in einem Weiteragieren sucht, auch wenn ihr Sinn nicht auszumachen ist. Trotz des Empfindens einer vollkommenen Absurdität, trotz des Fehlens eines Sinns, der die Eindrücke seiner Welterfahrung zusammenhalten könnte, vertraut Martin Stommel dennoch auf die Fragmente, die ihm zur Verfügung stehen.

Aus den Konstellationen von Martin Stommels Bildern lässt sich keine einheitliche Geschichte mehr, sondern lassen sich jeweils nur Geschichten bzw. Ansätze zu Geschichten erschließen. Figuren stehen in Beziehung miteinander, sind in Gewalt oder Liebe verstrickt – und letztlich besteht Martin Stommels Bildwelt nur aus solchen grundsätzlichen Konstellationen, die keine Geschichte, sondern nur bestimmte Zustände schildern, die Fragmente einer zerbrochenen Wirklichkeit thematisieren.

Doch das Potential der Metamorphose, der Verwandlung zieht sich durch die Ebenen seiner Bilder und ist vielleicht das wichtigste Charakteristikum von Martin Stommels Bildsprache; es betrifft das Verständnis der Figurentypen ebenso wie die Schauplätze, die räumliche Gestaltung und die thematische Konzeption. Der Künstler legt sie so an, dass der Betrachter sie vom konkreten Sinn in einen übertragenen verwandeln kann. Flächenstrukturen können dann räumlich gelesen werden und umgekehrt, Figuren können sich von mythologischen in reale verwandeln und umgekehrt. Das Verwandlungsspiel findet nicht nur innerhalb eines Bildes statt, die Bilder führen insgesamt eine Welt im Wandel vor. Die Themen – Krieg, Gewalt, Vertreibung, Versöhnung, Liebe, Verführung, Suche nach Erkenntnis und Erfüllung, Miteinander und Gegeneinander, auch Frustration und Leere – markieren zentrale Erlebnisbereiche im menschlichen Dasein, die auch unabhängig von einem historischen Kontext funktionieren und darin wiederum ihren mythischen Charakter offenbaren. Die Theatermetapher, in die Martin Stommel seine Bildwelt gerne taucht, stellt ein Welt-Theater vor, das dem Welten-Drama der mythischen Gottheiten gleicht, in dem die Menschen nur die Statistenrolle unter der Willkür der Götter innehaben.

Aber Martin Stommels Mythen lassen sich eben nicht mehr erzählen wie ein griechischer Mythos oder biblisches Gleichnis. Sie suggerieren zwar eine solche Erzählbarkeit, weil in kleinen Einheiten immer erzählbare Konstellationen gebildet werden. Doch sie fügen sich nicht zu einer möglichen großen Erzähl-Einheit zusammen. Martin Stommels Bilder gehen von der Unvereinbarkeit der Welt aus und sie formulieren damit eine Grunderfahrung unserer Zeit. Diese Erfahrung steht eigentlich dem Begriff vom ‚Weltbild’, der ja eine erfahrbare Einheit suggeriert, entgegen – ein Widerspruch, der letztlich nicht aufzulösen ist. Die klassische Bildform, die Figuration und die scheinbare Narrativität der Darstellung kollidieren mit der rigiden Diskontinuität in der Gestaltung von Raum, Zeit und Ikonographie.

Klaus Hammer

Prof. Dr. Georg Satzinger
Kunsthistorisches Institut der Universität Bonn, 2005

Seit es den Zirkus gibt, hat er die Maler fasziniert. Zirkus ist Kunst, die sich im Augenblick ereignet, sie ist aufs höchste lebendig. Bilder vom Zirkus – so wie sie Martin Stommel malt – zeigen ihn in seiner ganzen Lebendigkeit, seinem Zauber. Die warmen, leuchtenden Farben, die Artisten und Tiere im Licht der Manege, das Publikum, gebannt, im Dunkel – Stommels Bilder sind voll von der Atmosphäre, die nur der Zirkus hat. Stommel studiert seine Sujets genau, und wir erkennen bestimmte Artisten und ihre einzigartigen, berühmten Kunststücke, aber die Bilder sind dabei zugleich signifikant, sie sind Gleichnisse für das, was Kunst ist. Der Handstand auf den Köpfen der Zuschauer – was könnte deutlicher zeigen, wie sehr der Künstler das Publikum braucht, und was Künstler und Publikum trennt? Oder die Raubtierdressur, der Flug am Trapez – Grazie und Eleganz in der Gefahr, die das Publikum kaum ahnen lassen, wie schwer das alles ist.

Gleichnisse beschäftigen Stommel auch sonst. Sie gelten sehr grundsätzlichen menschlichen Träumen oder Zuständen, die in der Geschichte der Malerei eine große Tradition haben: Schlaraffenland, Jungbrunnen, Gier nach Geld. Die „Gierigen“, in fahles Licht getaucht, geben den staunenden Augen eines Kindes und des Betrachters ein widerliches Spektakel; sinnlos fressen sie Geld in sich hinein, spucken es wieder aus. Das „Schlaraffenland“ ist ein grelles, lautes Paradies des Überflusses, aus dem zwei, die anscheinend hier nicht hergehören, sich nicht ungern vertreiben lassen. Und der Jungbrunnen? Hier bleibt am ehesten offen, wie der Maler zu den in diesem Bild verkörperten Träumen ewiger Erneuerung steht. Nimmt man die Farben als Indiz, so scheinen sie – verglichen mit den Zirkusbildern – eine Sprache der Ambivalenz zu sprechen.

Daneben malt Stommel Stilleben, mit denen er sich auf die größeren Aufgaben vorbereitet, auch Portraits und Selbstportraits von großer Ernsthaftigkeit. Seine Landschaften, die der Maler nicht zufällig Idyllen nennt, feiern das Licht und die Farbe, den Raum. Klein im Format, entstehen sie in der Natur, in der Menschen allenfalls eine Nebenrolle spielen. Sie geben ein individuelles Stück Landschaft, doch die Wahl des Ausschnitts, die sorgfältig gefügte Komposition erhebt sie sofort ins ausdrucksvoll Allgemeine, zu dem, was er uns als gültig zeigen will. An seinen Landschaften wird vielleicht am offensten sichtbar, was für Stommels Arbeiten in ganz grundsätzlicher Weise die Maßstäbe setzt: die Natur und die große Tradition der gegenständlichen Malerei. Wie selbstbewußt seine Position ist, und wie anspruchsvoll seine Spannweite, das zeigt Stommel nicht zuletzt auch in der Graphik mit seinem großen Zyklus nach Dantes Commedia.

Martin Stommel: Aus dem Illustrationszyklus zu Dantes Göttlicher Komödie

Kaum ein Werk der europäischen Literatur hat Maler, Zeichner und Graphiker mit solcher Kraft angezogen wie die Schilderung der Jenseitswanderung durch Hölle, Läuterungsberg und Paradies, die sich mit dem Namen des Florentiner Dichters Dante Alighieri (1265-1321) verbindet. Das 100 Gesänge umfassende Werk, entstanden in den ersten beiden Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts, hat von den frühen Handschriften, die den Text überliefern, bis hin zu Druckausgaben unserer Zeit, daneben in unabhängigen Zyklen, immer wieder zu Darstellungen angeregt. Über die Dantistik hinaus berühmt sind die Darstellungen von Sandro Botticelli, doch stammen bedeutendeDante-Illustrationen auch von Luca Signorelli, Federico Zuccari, John Flaxman, William Blake, Gustave Doré, Willy Jaeckel,Salvador Dalì, Robert Rauschenberg, Renato Guttuso.

In den Versen der Göttlichen Komödie tritt neben das Konkrete, das dem Leser in einer Fülle von Begebenheiten, bildhaften oder dramatischen Augenblicken, Gesten, Blicken, Worten entgegenströmt, die Frage nach dem Sinn:“O ihr, die ihr gesunden Sinnes seid, / beachtet, welche Lehre sich verbirgt / im Schleier dieser rätselhaften Verse“(Inf. IX 61-63), lautet eine der Leseranreden in der Commedia. Dieses Gewebe aus Erzähltem und Gemeintem muß auch die Illustration des Werkes widerspiegeln, muß in eigener Deutung gleichzeitig Nähe und Distanz zum Text suchen. Martin Stommels Radierungen werden dieser Anforderung gerecht. Mit Helligkeit und Dunkel, Bewegung und Statik,Gegenständlichkeit und Abstraktion setzen sie das in Dantes Versen Gesagte und Erkannte um, formen es nach. Eine außergewöhnliche innere Kraft zeichnet die Darstellungen aus. Aus Dantes Text führen sie den Betrachter heraus, halten ihn gefangen und entlassen ihn, mit tieferem Verstehen, zurück in Dantes Terzinen. Die Aufgabe von Illustration, einen Text im Wortsinn zu ‚erhellen‘, scheint hier idealtypisch erfüllt.

Martin Stommel selbst beschreibt seine Arbeiten als „Szenarien der Seele“. Die Commedia schildert Seelenzustände des Menschen in einer unerhörten Breite und Tiefe. Wer Stommels Darstellungen indessen genauer betrachtet, bemerkt darüber hinaus eine Intensität des Fühlens, die auch das Religiöse der Commedia, jenen Raum zwischen Leben und Tod, Diesseits und Jenseits, Angst, Hoffnung, Glaube und Liebe, an vielen Stellen erahnbar werden läßt. Diese spezifische Form der Originaltreue zeichnet die Radierungen vielleicht entscheidend aus.

Dr. Thomas Brückner
Vorstandsmitglied der Deutschen Dante-Gesellschaft Ausgewählte Literatur zur Dante-Illustration: – Illuminated Manuscripts of the Divine Comedy. By P. Brieger, M. Meiss, Ch. S. Singleton. New York 1969 – H.-Th. Schulze Altcappenberg (Hrsg.), Sandro Botticelli. Der Bilderzyklus zu Dantes Göttlicher Komödie.Ostfildern-Ruit 2000 – Dantes Göttliche Komödie. Geschrieben – gedruckt – illustriert. Ausstellung im Museum für KunsthandwerkFrankfurt 6.10.1988 – 8.1.1989. Perugia 1988 – L. S. Malke (Hrsg.), Dantes Göttliche Komödie. Drucke und Illustrationen aus sechs Jahrhunderten.

Leipzig 2000

Einführungsrede von Prof.Dr.Georg Satzinger, Kunsthistorisches Seminar der Universität Bonn,
zur Ausstellung der Dante-Illustrationen von Martin Stommel im Stadtmuseum Bonn

Dantes Imaginationen sind, aus der Sicht der Kunstgeschichte, nicht zufällig Zeitgenossen der Bildwelt Giottos. Die Bilder des Dichters und die des Malers zeichnen sich, sehr vereinfacht gesagt, durch eine neuartige Sicht der Natur – und das heißt vor allem auch: der Natur des Menschen – aus; beide sind von großer mimetischer Kraft und zugleich konzentrierter, ja stilisierter Darstellung des Gesehenen geprägt.

Dantes Imaginationen sind meist Metaphern, komplexe Bildäquivalente für seelische Zustände, für innere Strukturen, für spirituelle Gewißheiten. Ihre einzigartige Bildkraft hat in der Geschichte der Kunst schon früh, seit dem14. Jahrhundert, zur Visualisierung, zur Illustration herausgefordert, bis heute. Botticelli natürlich, Frederico Zuccari, aber auch Blake, Flaxman, Doré, viele Künstler des 20. Jahrhunderts haben ihre Kräfte an der Divina Commedia gemessen und sind von den Zeitgenossen und Nachlebenden als mehr oder weniger gültige Interpreten Dantes verstanden worden.

„Für kleine Schiffe ist der Kurs nicht fahrbar,

auf dem mein kühner Bug die Wogen spaltet,

und nicht für Schiffer, die sich schonen wollen.“

Was im dreiundzwanzigsten Gesang des Paradiso über die Aufgabe des Dichters verlautet (67-69: hier in Karl Vosslers Übertragung zitiert), das ließe sich gewiß ebenso über die große Aufgabe sagen, die ein Künstler auf sich nimmt, der die Commedia illustriert. Mut gehört dazu, es mit den ungeheuerlichen Bildern Dantes aufzunehmen, und Mut auch, dies vor dem Hintergrund der überreichen Bildgeschichte der Dante-Illustration zu tun.

Martin Stommel hat diesen Mut, und er hat ihn wahrlich zurecht. Seine kraftvollen, ernsten Bilder fesseln den Betrachter, und sie berühren den Dante-Leser durch ihren Reichtum an imaginativem Vermögen. Stommel führt die für das Medium der Druckgraphik ziemlich großformatigen Blätter in den anspruchsvollen Techniken der Aquatinta-Radierung und des Mezzotinto, vermischt mit Kaltnadel, aus. Kontrollierte Bildfügung und spontaner Duktus verbinden sich so zu außerordentlich malerischen, wenn Sie so wollen atmosphärischen Kompositionen, die ihre Tiefe, ihr Leuchten, aber auch ihre prägnante Formbeschreibung aus dieser genuinen graphischen Technik gewinnen. Unergründliche Schatten, fahle Lichter, Flammen und ihr Widerschein, Rauch- und Dunstschwaden, bleierne Wasser und vieles mehr, schließlich klares, tröstliches, göttliches Licht- all das wird uns vor Augen gestellt in einem bemerkenswerten Reichtum an Valeurs, die Träger der Stimmung, des Ausdrucks der Bilder sind. Graphische Klangfarben, wenn Sie so wollen, die ganz erstaunliche Äquivalente erzeugen für die spezifische Bildwelt Dantes, die ja nicht als innere, als reine Phantasie- oder Traumwelt gemeint ist, sondern als Teil der existierenden Welt, dabei aber doch zwangsläufig eine Art von Zwischenwelt oder -welten imaginierend, in unseren heutigen Augen wenigstens.

Die Gestalten Stommels, die von sehr verschiedener Schwere sein können, zeigen den Künstler als einen Meister des Ausdrucks innerer Zustände durch den Körper. So etwa der Ketzer Farinata, unbeugsam in einer wahren Höllenküche, oder der in gleichsam stolperndem Rhythmus choreographierte Zug der Lauen, oder auch die schwebend aufsteigenden Gestalten im Venushimmel des Paradiso. Mit diesem besonderen Interesse an der menschlichen Gestalt als primärem Ausdrucksträger steht Stommel gewiß in einer der ehrwürdigsten Traditionen der abendländischen Kunstgeschichte.

Stommel erzählt- prägnant, in einer sehr individuellen Balance zwischen Ausführlichkeit und dichter Sparsamkeit; er illustriert nicht etwa detailverliebt, doch genau am Text: die Lauen werden tatsächlich von Insekten umschwirrt;die Augenlider der Neider auf dem zweiten Ring des Läuterungsberges sind tatsächlich zugenäht, und so fort. Stommels besondere Nähe zur Dichtung Dantes zeigt sich in solchen Feinheiten gleichsam unter der Lupe.

Von grundsätzlicherer Bedeutung für diese Nähe aber ist die Weise, wie er Stimmungen kreiert, wie er die Gestalten formt; ich habe das anzudeuten versucht. Dazu kommt, und das dürfte nicht minder wesentlich sein, wie er die Bildräume anlegt. Sie beeindrucken durch die Vielfalt und Originalität ihrer Perspektiven: scheinbar grenzenlos oder beengend nahsichtig, den Betrachter gefährlich hereinziehend wie bei den streitenden Teufeln oder ihn auch als mehr distanzierten Zeugen -wie im Eingangsbild- fernhaltend; Stommel läßt souverän den Betrachter in Abgründe blicken, oder er hält ihn schwebend in einer Zwischenlage; einen festen, sicheren Standort gönnt er ihm nicht, und so beteiligt er ihn an Dantes Reise auf eine Art, der man sich nicht entziehen kann.

Meine Damen und Herren, ich breche hier ab: es wird Zeit, daß Sie selbst sich mit Stommels Bildern auseinandersetzen. Ich bin gespannt, ob und wie der Zyklus, an dem der Künstler seit etwa drei Jahren arbeitet, in Zukunft noch weiter wächst. Schon jetzt ist klar, so meine ich, daß wir Martin Stommel für das, was er uns mit seiner Interpretation Dantes zu sehen, zu empfinden, zu denken gibt, sehr dankbar sein müssen.

Bonn, 19.8.2004
Georg Satzinger

Zirkusbilder von Martin Stommel

Das Spannungsfeld zwischen dem gebannt blickenden Publikum und den dynamisch bewegten Artisten, die Tiere, der Raum und die Wirkung des Lichts mit seinen tanzenden Staubpartikeln und seiner dramatischen Hell-Dunkel-Regie ist eine Quelle für Martin Stommels künstlerische Arbeit.

Martin Stommel gehört in den Kreis junger Künstler, die wieder gegenständliche Malerei wagen und deren Bildfindungen frisch und in keiner Weise epigon wirken. Anstatt mit PC, Videokamera und Fotografie seine Bildideen auf technische Weise zu verwirklichen, benutzt Martin Stommel das traditionelle Handwerkszeug Pinsel, Farbe, Stift und Radiernadel. Damit begibt er sich in die Welt der langsamen, traditionellen Kunstproduktion, die Nachdenken, Verwerfen und Entwicklung im bildnerischen Prozeß ermöglicht.

Vor Ort, im Zirkus zeichnet er Szenen ins Skizzenbuch. In seinem Atelier entstehen Detailzeichnungen, Aquarell-und Ölskizzen und als Endergebnis und Summe aller Vorstufen malt er in klassischer Schichttechnik mit Öllasuren auf Temperagrund seine großformatigen Figurenbilder. Unkonventionelle Kompositionen, das Spiel mit Licht und Schatten und die Poesie der Bilderzählung geben seinen Arbeiten eine besondere, märchenhafte Ausstrahlung.

Gisela Hesse
Direktorin des Kallmann-Museums in Ismaning, 2003